A1952 Artilleriewerk Krattigen

Der Stellungsraum Krattigen hat an der Schüpfgasse drei verbunkerte Geschütze, zu denen ebenfalls ein separates Einstiegsgebäude gehört. Die Lüftungen verraten, dass diese drei Bunker unterirdisch verbunden sind – ähnlich wie die Stellung in Faulensee.

Die Schwere Motor-Kanonen-Batterie 134 rekognoszierte diese Stellung und meldete im September 1940 die genauen Standorte. Diese wurden vorerst feldmässig gebaut. Ab Mitte 1942 waren die Bunker schussbereit. Neben der Stellung Krattigen gehörte der Versuchsstand Hentschenried (1953) zur Batterie (Arbeitsgeschütz) zur Batterie 129, die den Standort 1941 übernahm.

Geschütz G1 – 621785/167929
Geschütz G2 – 621816/167897
Geschütz G3 – 621756/167886

Die Tarnungen als Scheunen – Tarnname «Gips» – sind noch heute ausgezeichnet. Ausgerüstet war die Anlage mit 10,5 cm Kanonen 35 L42 auf Hebellafetten. Die Rohre wurden jeweils von den Feldlafetten abgebaut und in den Bunkern montiert. Der Kommandoposten der Batterie befand sich auf der Sattelegg.

Bereits 1947 hatten diese Bunker ausgedient, kurz darauf wurde auch die Batterie 129 aufgelöst.

Vom Botschaftsfunk…
Eine neue Nutzung der verwaisten Anlage wurde erst Ende der 1960er Jahre gefunden, zumindest in den Jahren 1970-76 war hier ein Armeestabsteil untergebracht. Dieser bezog jeweils die leeren Bunker und dazwischen aufgestellten Baracken und baute seine Geräte auf. Laut einem damaligen AdA war hier eine nicht permanente Übermittlungszentrale für Verbindungen zu den Militärattachés im Ausland beheimatet (Botschaftsfunk).

Im Raum Krattigen/Aeschiried waren angeblich auch permanente verbunkerte Funkanlagen vorhanden, um die Übermittlung ohne Draht sicherzustellen. Heute ist klar, dass es sich dabei um die Funkzentrale im Bunker Hentschenried und später das Funkzentrum Aeschiried handelte. Ob diese bereits vom Botschaftsfunk genutzt wurden oder erst von den Widerstandsorganisationen, ist offen.

Direkte Leitungen bestanden angeblich zu den damaligen Hauptquartieren der Armee in der Innerschweiz und in Interlaken. Die platzmässig für diesen Zweck knapp bemessene Anlage wurde offenbar nicht fix ausgerüstet, da Mitte der 1970-er Jahre eine neu erstellte Anlage auf dem Hasliberg (Tarnname «Alpengarten») bezogen wurde.

…zur Ausbildungsanlage der P-26
Anschliessend soll sich der Spezialdienst der Untergruppe Nachrichten und Abwehr (UNA) in Krattigen (Tarnname «Rosengarten») eingenistet haben. Ab Anfang 1978 wurde das Artilleriewerk Krattigen für die Ausbildung von Oberst Albert Bachmanns Leuten benutzt. Es fanden dort die ersten Einführungskurse für die Mitglieder der Widerstandsorganisation statt.  Mitte der 1980-er Jahre war die Anlage dann kurze Zeit für die Nachfolgeorganisation P-26 in Betrieb. Die P-26-Mitglieder wurden mit einem VW-Bus in eine neu erstellte Garage hinter einem der Geschützbunker gefahren und dort verdeckt direkt in die Anlage geschleust. Es wurde in der Anlage auch Schiessausbildung betrieben, ein Verbindungsstollen wurde zu einem 25m-Schiesskanal ausgebaut.

Die geheime Kaderorganisation zum Aufbau eines Widerstandsnetzes nach einem feindlichen Angriff nutzte die Anlage solange, bis sie 1983 in Gstaad eine grössere Anlage mit der Tarnbezeichnung «Schweizerhof» beziehen konnte. Es handelt sich dabei um den ehemaligen Kommandoposten der 1. Division und spätere AC-Labor der Armee.

Indizien vorhanden
Für die staatlichen Nutzungen der letzten Jahre sind heute in Krattigen verschiedene Indizien vorhanden: Zum Beispiel standen im Geschützstand 2 zwei Notstromaggregate, die für die sichere Stromversorgung der Funker dienten. Im Stand 3 wurden zahlreiche Telefon-Anschlussdosen eingebaut. In der Anlage sind neben dem Schiesskanal spezielle Signalanlagen vorhanden, die mit Rot-Grün-Lampen verhinderten, dass sich P26-Mitglieder in den Gängen trafen und sich erkennen konnten. Auch weitere noch vorhandene Installationen machen für die Artillerie eigentlich keinen Sinn.

Der Gang in den Untergrund
Das Artilleriewerk Krattigen ist heute in Privatbesitz und kann auf Anfrage besichtigt werden. Das Ziel des Besitzers ist, in jedem der drei Artilleriestände eines der zentralen Themen darzustellen: Artillerie, Funkzentrum sowie Ausbildungsanlage für Widerstandsorganisationen.

Diese Informationen beruhen einerseits auf mündlichen Aussagen eines ehemaligen Funkers und andererseits auf der Doktorarbeit von Titus J. Meier, die Mitte 2018 erschienen ist. Das Thema: «Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall – Die Schweiz im Kalten Krieg», erschienen im NZZ-Verlag. Eine Broschüre (mit Wissensstand 2013) über das Artilleriewerk Krattigen gibt es im Verlag HS-Publikationen.