10,5 cm Turmkanone 39 L52

In der Schweiz wurden gesamthaft 22 Panzertürme mit dem Kaliber 10,5 cm hergestellt und in den drei Festungsgebieten St. Maurice, Gotthard und Sargans eingebaut (siehe Übersicht). Prototyp für die neuartige Waffe wurde das Werk San Carlo auf dem Gotthardpass. Bis zum Einbau der 10,5 cm PzT 39 L52 waren die Panzertürme mit den 12 cm-Kanonen die einzigen weittragenden Festungswaffen – und veraltet. Bereist 1936 wurde eine Verstärkung des Abwehrdispositivs am Gotthard sowie der Ersatz der Panzertürme im Fort Airolo durch 2 bis 3 neue Türme mit Kaliber 10,5 bis 15 cm erwogen.

Am 23. Februar 1937 wurden der Befestigungskommission Vergleichsofferten der Firmen Krupp (Deutschland), Schneider (Frankreich) und Bofors (Schweden) vorgelegt. Über das Kaliber (10,5 oder 12 cm) wurde aber noch keine Einigung erzielt: Einerseits waren grosse Mengen 12 cm-Munition noch vorhanden, andererseits waren für die Feldartillerie 10,5 cm-Geschütze in grosser Anzahl in Beschaffung. Das kleinere Kaliber hatte jedoch noch weitere Vorteile, die schlussendlich den Ausschlag für die Wahl gaben: Tiefere Beschaffungskosten, schnellere Schussfolge und die Reichweite war nur unerheblich geringer als bei 12 cm. Die Wahl fiel dabei auf das System Schneider mit Lizenzfabrikation in der Schweiz unter Beizug ausländischer Lieferanten. Der Vorpanzer sowie die komplette Panzerkuppeln wurde bei Cockerill (Belgien) und Columeta (Luxemburg), das Rohr mit Bodenstück, Verschluss und Schussbremse von der K+W Thun beschafft (das Rohmaterial für die Geschütze kam ebenfalls von Columeta). Vormontiert wurden die Einzelteile der Panzertürme in der Giesserei von Roll in Bern.

Die Lieferung des ersten Panzerturms war für den 30. April 1939 vereinbart, der Liefervertrag von ursprünglich fünf (21. Oktober 1938) auf zehn Panzertürme erhöht (20. Februar 1939). Durch die Kriegswirren musste 1939 auf Schweizer Lieferanten umgestellt werden, was jedoch Probleme bot. Keine Giesserei konnte die grossen Panzerkuppeln respektive die Elemente des Vorpanzers liefern. Die Konstruktionsänderungen verzögerten den Einbau der Artilleriewaffen. Aus der Zeit der Umstellung vom Einkauf im Ausland zu Eigenfertigung sind kaum mehr Dokumente auffindbar, die Schweiz sowie die Unternehmen hatten noch andere – gewichtigere – Probleme, als die Lieferung einer relativ geringen Anzahl von Panzertürmen.

Montage dauerte bis 1943

Aufgrund von Vermutungen, wie die Deutschen so rasch die als uneinnahmbar geltende Festung Eben-Emal überrannt haben könnten, wurden die Panzertürme mit einer 20 Zentimeter dicken Schicht aus Beton überzogen. Doch gegen die wirklich eingesetzten Hohlladungsgeschosse der Deutschen hätte der Beton herzlich wenig genutzt. Die Vorserie von 5 Panzertürmen kam noch vor Kriegsausbruch zur Auslieferung, die Hauptserie von 17 erst während des Krieges. Die Montage in den Artilleriewerken erstreckte sich bis ins Jahr 1943. Bei der definitiven Bestellung der Türme Nr. 13 bis 22 wurden von der KTA gleichzeitig eine Rohmaterialbestellung für weitere 20 (!) Türme aufgegeben. Gemäss Maurice Lovisa waren diese für die geplanten, aber nie ausgeführten Werke Uitikon, Heitersberg, Diegten, Gempen, Hauenstein, Hohe Winde, Sonceboz, Chasseral, Chaumont, Mont Pèlerin usw. vorgesehen.

Auch in den Einfallsachsen zum Reduit waren weitere Werke geplant. Zium Beispiel im Rraum Giswil-Kaiserstuhl am Brünig (2 Panzertürme) oder bei Kerns (1 Panzerturm). Auf dem Gotthardpass war auf dem Bergrücken Scara Orello östlich der Tremola ein weiteres Turm-Werk vorgesehen. Dieses wurde aber durch das AW Sasso da Pigna mit vier wirksameren 15 cm Bunkerkanonen ersetzt. Endgültig wurden die zusätzlichen 20 Türme von der KTA am 7. August 1944 bei der K+W Thun annuliert. Zur Erprobung des Waffensystems und zum Anschiessen wurde auf dem Waffenplatz Thun (im «Zelgli») ein kompletter Panzerturm montiert. Die Monteurequipen der K+W sowie von Roll wanderten quasi von Artilleriewerk zu Artilleriewerk, setzten die Panzertürme ein und reisten wieder in ihre Stammfirmen, um die nächsten Waffen bereitzumachen. Jedes Rohr wurde im Zelgli angeschossen.

Im Werk selber folgte ein erneutes Funktionsschiessen sowie Ausmessen der Waffen. Anschliessend folgte das Schiessen der Truppe und das Erstellen der Schiesskarten. Auf Ende 1994 wurden die Artilleriewerke mit 10,5 cm Panzertürmen ausgemustert. Die Neukonzeption der Festungswaffe brachte eine Konzentration auf die 12 cm Festungsminenwerfer sowie die neuen 15,5 cm Bison-Geschütze. Die alten grossen Werke waren einfach zu personal- und kostenintensiv. Es darf aber nach Aussage von Spezialisten festgehalten werden, dass das 10,5 cm Turmgeschütz mit einer Reichweite von 22 Kilometern auch heute noch ballistisch eine sehr gute und wirkungsvolle Waffe ist. Übrigens wurde zu Beginn der achtziger Jahre zusätzlich zu den vorhandenen Reserverohren in der K+W Thun nochmals eine Reserve von 18 Rohren gefertigt und angeschossen. Für den Einsatz der Waffe waren elf Mann direkt eingeteilt, dazu kam noch die Mannschaft des Munitionsmagazins. Da meist mehrere Panzertürme in einem Werk eingebaut waren, musste diese Mannschaft für alle Türme die Munition bereitstellen.

Modernere Alternativen?

1969 wurde eine Durchführungsstudie zur möglichen Verwendung der 15,5 cm Kan 68 (Schweizer Panzerhaubitze) für die Erneuerung der Fest Art (10,5 cm PzT) erstellt. Im 1970 wird berichtet, dass die längerfristige Entwicklungsplanung die Möglichkeit sieht, mit der 15,5 cm Kan 68 eine wesentliche Leistungssteigerung der heutigen 22 10,5 cm PzT zu erreichen. Dieses Geschütz wurde in Lizenz der Firma Schneider gefertigt. Die Rohrlänge mit Bodenstück war 5,51 Meter, Rohr, Bodenstück und Verschluss wog 1,9 Tonnen. Der Richtbereich des Panzerturmes betrug 60 Grad seitlich und 0/+45 Grad in der Höhe. Die Panzerkuppel der Giesserei Bern war gegen Beschuss bis 21cm-Granaten gedacht und hatte eine Stärke von 25 cm. Allein die Kuppel wog 26 Tonnen und sie hatte einen Durchmesser von 3 Metern. Das Geschütz inkl. Panzerturm und Vorpanzer (ohne Beton) wog 74,7 Tonnen.

Einsatz der 10,5 cm Panzertürme

  • Festungsregion St. Maurice – Dailly/Les Planaux (2 Türme)
  • Festungsregion Gotthard – Airolo/Foppa Grande (1) – San Carlo (2) – Fuchsegg/Furka (4) – Gütsch/Andermatt (3)
  • Festungsregion Sargans – Magletsch (3) – Kastels (3) – Furkels (4)

Quelle: Die Angaben über den 10,5 cm PzT 39 L52 stammen mehrheitlich aus der Publikation von Hansjakob Burkhardt «AW San Carlo – Die Gotthardfestung San Carlo, der Prototyp aller Artilleriewerke mit 10,5 cm Turm-Kanonen Mod 1939 L52» aus dem Jahr 2003.

Interessante Links

Dokumentation von Hansjakob Burkhardt im Auftrag der armasuisse zur 10,5 cm Turm-Kanone 1939 L52 (Download, folgt)

TECHNISCHE DATEN
Hersteller
Kaliber 105
Verschluss
Kadenz (Schuss/min)
Reichweite (m)
Munition
Zufuhr
Gewicht Munition (kg)
Gewicht Geschütz (kg)
Länge total (mm)
Länge Rohr (mm)
Anzahl Züge
Lafette
Richtbereich Seite (Grad)
Richtbereich Höhe (Grad)
Rücklaufbremse
V0 (m/s)
Mannschaft