Das nachfolgende Interview erschien erstmals am 6. Juli 2018 im «Frutigländer», Autor Hans Rudolf Schneider. Es zeigt auf, wie bedenkenlos – oder unverantwortlich – mit dem «Problem Mitholz» umgegangen wurde.


Er ist zu jung, um die Explosion des Munitionslagers im Dezember 1947 erlebt zu haben. Dennoch haben die Bomben und Granaten Urs Kallen während 30 Jahren begleitet. Der ehemalige Anlagenchef von Mitholz erzählt aus seiner Erinnerung.

Die letzte Woche vom Verteidigungsminister veröffentlichte Information, wonach gut 3500 Tonnen Munition im verschütteten Verladestollen des Magazins Mitholz vermutet werden, beschäftigen Urs Kallen (62) seither. Und eigentlich auch schon vorher. Von 1980 bis 2010 war er bei der Armeeapotheke angestellt. Als Anlagenchef war der Frutiger beim Bau der unterirdischen Fabrikationsanlage dabei und anschliessend quasi Betriebsleiter des grossen Bunkers.

Urs Kallen, wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, in welcher Gefahr Sie bei der Arbeit geschwebt haben?
Urs Kallen: Ich hatte Hühnerhaut. Plötzlich dachte ich daran, dass wir jeden Tag daneben gearbeitet haben. Und zwei Leute aus unserem Viererteam haben längere Zeit auch unmittelbar vor der Anlage gewohnt.

Für Sie als Anlagenchef waren die Munitionsreste unbekannt?
Kurz nachdem die Armeeapotheke dort den Fabrikationsbetrieb aufgenommen hat, haben wir die Munitionsreste entdeckt und ich habe diese gemeldet. Ein Brief von 1986 – der jetzt auf der VBS-Website zu lesen ist – bestätigt, dass diese Information weitergeleitet wurde.

Was passierte dann?
In diesem Schreiben wird bestätigt, dass für die unterirdische Anlage – und in dem Fall auch für uns – vom Sprengstoff weder «eine Beeinträchtigung» noch «eine Gefährdung»  ausgeht. Allerdings müsse man überlegen, ob Zugänge in den Verladetunnel von aussen durch die Klüfte versperrt werden sollten. Das haben wir dann auch gemacht, um Munitionssammler und Höhlenforscher abzuhalten.

Sie wussten von Ihrem Arbeitgeber nichts vom Risiko und den Sprengstoffmengen?
Nein. Die jetzt genannten Mengen sind unglaublich. Wir konnten das ja auch nicht beurteilen.

Sie waren also öfters drin im Bahnstollen?
Ja. Wir haben auch Besuchern die Bomben gezeigt. Dazu gehörten in- und ausländische Militärs, aber auch fremde Attachés. Wir machten das auf Anordnung aus Bern, wir hatten da eine ganz spezielle Attraktion für die Gäste. Wir wurden nach 1986 aber angehalten, nicht mehr in den Tunnel rauszugehen.

Als Adjudant eines Sanitätslogistikbataillons hatten Sie nicht gross Ahnung von schwerer Munition?
Wir sahen dort im dunklen Tunnel Bomben, Granaten und haufenweise Zünder rumliegen. Von der Explosionswirkung solcher Geschosse hatte ich keine Ahnung, ich war ja nicht bei einer Kampftruppe. Uns machten eher die Felsblöcke Kummer, die schon damals in der offenen Kluft über dem Verladestollen hingen. Die sind zum Glück noch heute dort oben und nicht runtergefallen auf die Munition. Aber sie sehen immer noch gefährlich aus.

Neben Ihnen waren jahrzehntelang immer wieder WK-Soldaten im explodierten und wieder nutzbar gemachten Bunker…
Die Anlage wurde im Schichtbetrieb von Sanitätssoldaten betrieben. Wir schauten, dass die Produktionsmaschinen und die Infrastruktur jederzeit funktionierten. Das waren die grossen Notstromgruppen, die Ventilation sowie die Klimaanlage. Die Truppe bestand aus Spezialisten für die Produktion pharmazeutischer Produkte. Meist waren das 80 bis 100 Mann. Wenn ich dran denke, dass diese nur wenige Meter neben der Munition arbeiteten und schliefen und nur ein bisschen Fels und Beton dazwischen war, schaudert es mich.

Sie haben einen ganzen Ordner mit Zeitungsausschnitten, Bildern und Dokumenten von der Munitionsexplosion 1947 gesammelt. Wieso?
Ich interessierte mich einfach dafür. Man hörte in all den Jahren auch von den Anwohnern verschiedene Geschichten. Zum Bespiel sollen im Schuttkegel vor der Fluh zwei durch die Explosion zerstörte Bahnwagen liegen. Ob das stimmt, weiss ich allerdings nicht.

Sie waren 30 Jahre in der Anlage, seit acht Jahren haben sie einen zivilen Job bei der Arwo Frutigland und damit eine gewisse Distanz. Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Es war für mich eine spannende und schöne Zeit mit einem guten Team. Aus heutiger Sicht finde ich es grob fahrlässig, dass die Armee den Sachverhalt nicht früher untersucht und die Angestellten und Anwohner gewarnt hat. Schliesslich wurden dort Dutzende Millionen Franken verbaut.

Urs Kallen, der ehemalige Anlagenchef des Munitionsmagazins Mitholz, hat einen ganzen Ordner mit Unterlagen über die Explosion gesammelt – und blättert ihn heute mit gemischten Gefühlen durch. Bild © Hans Rudolf Schneider