Die Gotthard-Mitrailleure


Offiziell haben sie nicht so geheissen, sondern anfänglich Festungsmitrailleure, später Gebirgsmitrailleure. Den Namen haben sie sich selber zugelegt, aus dem Bewusstsein heraus, im Gotthardgebiet, im Herzen der Schweiz, eine der wichtigsten Aufgaben zu erfüllen. Sie waren die ersten Mitrailleure der Schweiz und hielten sich für die besten und wichtigsten. Den Stolz haben sie verdient, denn was sie in Manövern und Gebirgsmärschen leisteten, ist einzigartig.

Nach dem Ausbau der Gotthardstrasse 1830 und Bahn 1882 wurden 1886 bis 1894 die ersten Festungswerke erstellt. Zu deren Aussenverteidigung stellte man 1893 die ersten Festungsmitrailleur-Kompanien auf, anfänglich zwei, dann im Laufe der Jahre zwei Abteilungen zu drei Kompanien. Die ersten Uniformen waren ein schwarzer Waffenrock mit rotem Kragen und einer schwarzen Tellermütze. Diese wurde später durch ein Käppi mit gelbem Pompon ersetzt. Im Ersten Weltkrieg wurden die feldgraue Uniform und der Helm eingeführt. Die Gotthard-Mitrailleure trugen weinrote Mitrailleur-Patten, von denen sie sich 1924 nur ungern trennten, als sie von den Festungstruppen zur Infanterie umgeteilt wurden. Sie erhielten grüne Patten und mit der Halbmotorisierung 1938 gelbe Achselschlaufen.

Der Gebirgsdienst, meist auf Höhen zwischen 2000 und 3000 Metern, erforderte körperlich kräftige Leute, die den besonderen Strapazen gewachsen waren und die auch in zivil tüchtige Berggänger waren. Rekrutiert wurden sie für die Kompanie 1 aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen, für die Kompanie 2 aus dem Kanton Zürich, Kompanie 4 aus Bern und Kompanie 5 aus Solothurn, Aargau und Basel. Die Kompanien 3 und 6 bildeten die Landwehr aus den Kompanien 1 und 2 respektive 4 und 5.


Stab der Festungsmitrailleur-Abteilung 1 - Kommandant Hauptmann Luchsinger

Ein schwer zu lösenden Problem war der Transport von Waffen, Munition und Verpflegung im Hochgebirge. Bis 1908 hatten die Kompanien weder Saumtiere noch Karren. Die Gotthard-Mitrailleure waren dann besonders trainiert im Gebirgsmarsch und im Lastentragen. Besonderheiten waren das Tragreff und das Gotthardzelt. Das Reff hatte Haken und Riemen und selbst wenn es bereist überladen war, konnte man noch etwas drauf binden. Mit der Zeit wurden die Wegverhältnisse im Gotthardgebiet ausgebaut durch die Anlage von Saumwegen und Strassen. 1909 erhielten die Kompanien Saumpferde und Karren zugeteilt. Es wurde gesäumt über Stock und Stein, über Wildbäche, Runsen und Steinplatten. An gefährlichen Stellen mussten die Saumtiere mit Seilen gesichert und mit Hilfe von 10 bis 20 Mann über das Hindernis geführt werden. Der Nutzeffekt der Saumkolonne war allerdings nicht allzu gross, denn etwa ein Drittel der Lasten diente dem Eigenbedarf der Saumtiere.

1938 wurden die Gotthard-Mitrailleure halbmotorisiert. Mit einer gewissen Erleichterung, aber auch mit Wehmut, nahm man Abschied von den treuen Lasttieren. Die Kompanien erhielten Lastwagen, mit denen Waffen, Munition, Verpflegung und Korpsmaterial transportiert werden konnten. Der Mann trug seine persönliche Packung. Aber am Ende der Strasse musste nach wie vor alles auf dem Rücken getragen werden, je höher hinauf es ging, umso schwerer waren die Lasten.


Mg11 auf Dreibein-Lafette

Zu Waffen, Munition und Packung kam zusätzliche Verpflegung, Heizmaterial, Winterausrüstung, Gotthardzelt und anderes mehr. Die Leute trugen 30 kg und mehr in mehrstündigen Aufstiegen über Karrenfelder, Firn und Gletscher. Auch die Offiziere und Kommandanten trugen ihre Lasten. In der Stellung angekommen, musste sofort der Nachschub organisiert werden, der manchmal die Hälfte der Mitrailleure auf den Beinen hielt. Versuche mit Trägerkolonnen bewährten sich nicht, die Träger waren zu wenig gebirgsgewohnt. Dann galt es zu nächtigen in einer Baracke, in einem Zelt, in improvisierten Steinhütten, bei Kälte, Gewitter und Schneesturm.

In der Freizeit gab es kein Ausschwärmen in Wirtschaften, die nächsten wären in mehrstündigen Fussmärschen erreichbar gewesen. So blieben alle, Mannschaft und Offiziere, auch in der Freizeit zusammen. Man hatte Zeit, sich auszusprechen und das hat alle einander näher gebracht. Geltung und Rang in der Kompanie hingen nicht so sehr vom Gradabzeichen ab, als von der körperlichen und seelischen Kondition, von der Tüchtigkeit im Gebirgsdienst und von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft. Alle waren aufeinander angewiesen und wenn ein Kamerad seine Last nicht mehr tragen konnte, wurde sie ihm von einem Soldaten oder Offizier, der noch über Reserven verfügte, abgenommen. Dies geschah nicht nur aus Hilfsbereitschaft, sondern auch aus der Erfahrung aus dem Gebirgsdienst, denn wenn der Kamerad zusammengebrochen wäre, hätte man ihn selber auch noch tragen müssen.

Nachdem die Festungswerke mit m ehr automatischen Waffen ausgerüstet wurden und die Gebirgsinfanterie-Batallione eigene Mitrailleur-Kompanien hatten, konnten diese einen Teil der Aufgaben der Gebirgsmitrailleur-Abteilungen übernehmen. So bestand bereist 1924 die Absicht, die Gebirgsmitrailleur-Abteilungen 1 und 2 aufzulösen. Oberst Luchsinger von Andermatt konnte aber überzeugend darlegen, dass gerade im Hochgebirge die ortskundigen Gotthardmitrailleure imstande wären, mit verhältnismässig wenig Leuten grössere Abschnitte wirksam zu verteidigen. So blieben die beiden Abteilungen vorderhand bestehen.

Durch die Änderungen in der Armeeorganisation, durch neue Kampfformen und das ungelöste Transportproblem war die Auflösung der Gebirgsmitrailleur-Abteilungen bereits während des letzten Aktivdienstes beschlossene Sache. Man liess aber die Einheiten bestehen und betraute sie mit Spezialaufgaben wie Grenzpolizeidienst, Saumweg- und Barackenbau, Abwehr von Luftlandetruppen, Bahnwache und Spezialpatrouillen. 1947 wurden die Abteilungen endgültig aufgelöst.

(Aus der «Ostschweiz» vom 18.9.1980)