Explosion in Mitholz am 19. Dezember 1947


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Dass die unterirdische Lagerung von grossen Mengen Munition und Zündern nicht ohne Risiken war, zeigte sich vom 19. auf den 20. Dezember 1947 im Kandertal. Das Munitionslager Mitholz flog in die Luft, die Explosion forderte neun Todesopfer und zerstörte viele Häuser in der Umgebung.

Folgende Augenzeugenschilderung erschien in der «Volks-Zeitung» vom 22. Dezember 1947:
«Die Bevölkerung des Kandertales ist von dem grausigen Geschehen seelisch aufgewühlt. Unter dem tiefen Ernst der Gesichter verbirgt sich die grosse innere Erregung. Überall sieht man die Leute in Gruppen beieinander stehen und die Ereignisse kommentieren. Wie wir am Sonntag morgen auf dem Bahnhof Frutigen auf eine Gelegenheit zum Weiterkommen warten, kommt aus der Richtung Kandergrund der mit den Mannschaften des Leitungsdienstes der BLS angefüllte Materialwagen retour. Die Wiederherstellungsarbeiten mussten wegen der Gefahr unterbrochen werden. Die Explosionen dauern immer noch an. Im Zug nach Kandergrund kommen wir mit Unternehmer Gaggioli aus Mitholz ins Gespräch, der mit seiner Familie bei Bekannten in Frutigen Unterkunft gefunden hat. Er erzählt: Die Fensterscheiben gingen sofort kaputt. Unser Haus ist beschädigt, steht aber noch.‘ Der Stall, als einziger intakter und einigermassen warmer Raum, diente der Familie als erster Zufluchtsort, während der Vater in der Dunkelheit die mit Glassplittern übersäten Sachen zusammensuchte. «Jetzt wissen wir, was Luftkrieg heisst», schliesst der Erzähler. Beim Verlassen des Zuges in Kandergrund fallen uns sofort zwei Dinge auf: Der Brandgeruch und der vom Staubregen des Vorabends dunkel gefärbte Schnee.

In der Wirtschaft Altels geht es zu und her wie in einem Bienenhaus. Vor der Wirtschaft parkieren Militärautos, die Leute stehen diskutierend herum. Der Tanzsaal ist in einen Kleiderladen umgewandelt. In der Gaststube treffen wir Bekannte: Lehrer Marti aus Mitholz sieht übernächtigt aus. er hat von dem etwas erhöht gelegenen Schulhaus aus das ganze Inferno miterlebt und als letzter gegen fünf Uhr morgens Mitholz verlassen.Das Schicksal des Ehepaars Kast beschäftigt ihn. Das Haus des Anlagenverwalters fing als eines der letzten zu brennen an. Ob die beiden im Keller Zuflucht gesucht haben und nun verschüttet sind? Sobald als irgendmöglich muss versucht werden, in den Keller des zerstörten Gebäudes zu gelangen. Alfred Trachsel, Landwirt in Mitholz, bewohnte ein anno 1777 erbaute Bauernhaus. Beim dritten «Chnutsch» war er mit der Familie schon unterwegs nach Kandergrund. Vom niederprasselnden Geschosshagel blieben sie unverletzt. Trachsels Bruder war noch zurückgeblieben. Während er sich in der vorderen Stube aufhielt, schlugen in die hintere Stube mehrere Geschosse ein.

Samuel Künzi, der am schwersten betroffene Mitholzer, befand sich beim Ausbruch der Katastrophe in einem Weidhaus auf der Fluh, gerade obenher dem Stollen. Der Boden wurde in die Höhe gehoben wie bei einem Erdbeben, dann sah er das Tal unter sich voll Feuer, über die ganze Bäuert hin. Er flüchtet sich mit dem Knecht in den benachbarten Tunnel der BLS. Vom Tal herauf hörten sie die Angstschreie der Leute.

Die beiden flohen dann weiter zur Station Felsenburg. Als sie eingetreten waren, drückte der Luftdruck die Türe ein. Durch den Kehrtunnel gelangten sie ins Tal und morgens um vier Uhr erreichte Samuel Künzi, auf allen vieren kriechend, die Ruinen seines Hauses. Darunter liegen die beiden Kinder und irgendwo in der Nähe die Mutter und der Pflegebub. Schlag auf Schlag explodieren Geschosse in den glutenden Trümmem. Das Haus lag in der Schussrichtung des äussern Stollenportales. Er betrachtete es als ein Wunder, dass seine Frau mit dem kleinen Kind lebend davonkam. Am Samstag holte Sami das Vieh auf der Fluh. Er sah, dass das Land durch Felsspalten zerrissen war, die vorher nicht da waren. Es war nicht leicht, nach Mitholz zu gelangen. Die Absperrung ist verschärft worden. Bei der ersten Sperre kommen wir noch durch, aber die zweite ist schwieriger zu nehmen. Auf der Höhe des Talbodens von Mitholz zeugen geknickte Leitungsmasten und öde Fensterhöhlen von dem Feuersturm. Von der Station sieht man gar nichts mehr. Wo die Magazine waren, breitet sich der Schuttkegel des Bergsturzes aus. Aus der Abbruchstelle steigen wie aus einem Vulkan eine schwarze Rauchwolke und daneben noch viele kleinere Fähnchen gen Himmel. Während der kurzen Beobachtungszeit waren mindestens drei kleine Detonationen wahrnehmbar.»

Ablauf und mögliche Ursachen der Explosion
Mit einem gewaltigen Donnern wurden die Einwohner von Mitholz in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 aus dem Schlaf gerissen. Es war war kurz vor Mitternacht, als sich im Munitionsstollen beim Bahnhof eine gewaltige Explo sion ereignete. In der Bevölkerung waren insgesamt neun Tote zu beklagen.

Die ganze Felswand erzitterte, als sich die Tonnen von eingelagertem Sprengstoff entzündeten. Weder der Fels noch die gepanzerten Stahltore vermochten dem enormen Druck standzuhalten. Die Mitholzer eilten erschreckt talauswärts Richtung Kandergrund, manche nur im Nachthemd und ohne Schuhe. An der Haut klebte Pulverrauch wie nach einer Schlacht. Morgens um fünf Uhr war Mitholz leer. Alle 220 Bewohner, soweit sie noch am Leben waren, hatten ihre Häuser verlassen.

Die Explosion war in der ganzen Talschaft zu hören. Sofort nach der Alarmierung eilten die Feuerwehren und Rettungsmannschaften an den Unglücksort. Der Anblick der zerstörten Häuser war grauenhaft. Brennende Gebäude beleuchteten die schreckliche Szene. 39 Häuser erlitten Totalschaden, an 66 weiteren wurden Teilbereiche zerstört. Der Eingangstunnel der Eisenbahn wirkte wie ein überdimensioniertes Kanonenrohr. Vom Bahnhofgebäude, über das die Druckwelle hinwegfegte, standen gerade noch die steinernen Fundamente. Im ganzen Talboden verstreut lagen Fliegerbomben, Artilleriegranaten sowie MG- und Gewehrmunition.

Am frühen Samstag morgen traf Bundesrat und EMD-Vorsteher Karl Kobelt in Mitholz ein. Er sprach den Angehörigen sein tiefes Beileid aus. Wenig später besuchte auch der frühere General Henri Guisan den Unglücksort und rief die Schweiz zu Mithilfe und Unterstützung auf. Rund 500‘000 Franken wurden so gesammelt und für das Nötigste an Kleidung und Verpflegung verwendet. Das Militär stellte ein Barackenlager zur Verfügung. Bei der Pressekonferenz am 23. Dezember gab das EMD bekannt, dass rund 3000 Tonnen Munition in Mitholz explodiert seien. Eingelagert waren nach ersten Angaben aber über 7000 Tonnen. Die ersten Explosionen verschütteten grosse Mengen davon, die sich nicht entzünden konnten.

Der materielle Schaden war mit Geld wieder gutzumachen. Nicht zu bezahlen war jedoch der Tod von neun Mitholzem, die in den Trümmern ihrer Häuser oder auf der Flucht umkamen. Wochenlang dauerten die Aufräumungsarbeiten. Das Militär sammelte die Munition und Zünder ein und verbrannte vieles an Ort und Stelle. Der Berner Heimatschutz übernahm kostenlos die Planung für den Wiederaufbau von Mitholz. Neu errichtet wurden rund zwanzig Häuser im Chaletstil. Nur eine der betroffenen Familien zog es vor, an einem anderen Ort eine neue Heimat zu suchen.

Die genaue Ursache des Unglücks konnte nie mit Sicherheit festgestellt werden. Neben Sabotage könnte auch ein Erdschluss durch die elektrische Fahrleitung der Bahn die Explosion ausgelöst haben. Am wahrscheinlichsten ist jedoch die spontane Explosion von Kupferazid, das sich auf kupferhaltigen Zünderteilen bilden kann. Die Weisungen von 1944, dass Zünder separat von den Granaten gelagert werden müssen, war in Mitholz erst in der Umsetzungsphase. Die Untersuchung von Hauptmann Wullschleger, Untersuchungsrichter des Divisionsgerichts 3b, wurde Ende Mai 1949 abgeschlossen.
Zu Beginn der sechziger Jahre wurde die zerstörte Anlage nach Auskunft der Armeeapotheke instand gestellt und für den Sanitätsdienst nutzbar gemacht. Heute befinden sich Einrichtungen zur Versorgung mit Sanitätsmaterial im Stollen. Sobald die neue Armeeapotheke in Ittigen BE ihre Arbeit aufnimmt, soll in Mitholz abgerüstet werden. Bei Aushubarbeiten für einen Geschiebesammler fanden die Bauarbeiter übrigens noch im Herbst 1989 etliche grosskalibrige Munition. Diese war durch die Gesteinsmassen zugeschüttet worden.

Mitholz-15
Schema der Munitionsanlage vor der Explosion