Festung Oberland

Wehrhafte Schweiz - Bunker und Festungen

Sidebar
Menu

A1881 Artilleriewerk Schmockenfluh BE


Das Artilleriewerk Schmockenfluh ist das dritte Werk in derselben Felswand bei Beatenberg, es liegt unterhalb der Anlagen Legi und Waldbrand. Dabei handelt sich um ein typisches Reduit-Kasemattwerk des Büros für Befestigungsbauten mit Baujahr 1942.

Das erste Projekt aus dem Jahr 1942 umfasste als Bewaffnung zwei Bunkerkanonen 10,5 cm sowie zwei Mg 11 auf Festungslafetten. Die Armierung umfasste dann aber zu Beginn vier 10,5 cm und zwei 7,5 cm Befestigungskanonen. Die Besatzung war auf rund 180 Mann festgelegt.

Der Geologische Dienst 3 und 5. AK (Büro Thun) hat im Rapport Nr. 33 die generelle geologische Lage, die geologischen Verhältnisse wie Gesteinsarten, Aufbau und Klüftung, Wasserverhältnisse und Verhalten im Beschuss der Krachenfluh (Schmockenfluh) abgeklärt. Aus geologischer Sicht kamen für die Auswahl der Geschützstellungen folgende Gesichtspunkte zur Beachtung: Allgemeine Verhältnisse der Wand, Winkel der Wand zur Bereitstellung (Feindmöglichkeiten), Schulterwehren, Sturmfreiheit und Nahverteidigung.

Die Bauofferte der Firma Frutiger Söhne (Oberhofen und Interlaken) betrug 1'852’670.45 Franken und es resultierte am Schluss eine Kostenunterschreitung, trotz der komplexen und anspruchsvollen Baustelle. Im Juli 1943 waren die Befestigungskanonen schussbereit und standen der Festungstruppe bis zur Armee 95 zur Verfügung. Der Zugang ist von der Standseilbahn Thunersee-Beatenberg aus angelegt. Als letzte Armierung waren zwei 10,5 cm Kan 35 L42 auf Hebellafette (Kampfstand M1/M2) sowie vier 10,5 cm Kan 39 L42 auf Ständerlafetten (Kampfstand R1/R2/L1/L2) eingebaut. Das Schussfeld der drei Artilleriewerke Legi, Waldbrand und Schmockenfluh im Raum Beatenberg deckte von der rechten Begrenzung Oppligen überlappend bis zum BLS-Viadukt in Frutigen einen gewaltigen Bogen ab, der mit schweren Granaten eingedeckt werden konnte. Mit der 10,5 cm Kan konnte rund 21 Kilometer weit geschossen werden. Drei Beobachtungsposten waren ausgebrochen worden sowie zwei Notausgänge. N1 befindet sich am westlichen Teil der Anlage in einem schwer zugänglichen Couloir. N2 ist unmittelbar unterhalb des Beobachtungspostens 2 und im Bereich des Kampfstandes M2.

Die Kampfstände mit Hebellafetten sind rund vier Meter breit, acht Meter lang und drei Meter hoch. Diejenigen mit Ständerlafetten sind 5,7 m breit, rund 6,5 Meter lang und 4 Meter hoch. Die drei grossen Munitionsmagazine sind rund 40 Meter lang, dasjenige hinter dem Kampfstand M1 ist etwas kleiner. Die externe Stromversorgung war vor dem Kampfstand M3 angelegt, drei Leitungen à 380 Volt führten hier in die Festung. Zwei Sulzer-Dieselmotoren mit je 80 PS sorgten für die Notstromversorgung. Im Maschinenraum befanden sich auch drei Tanks mit je 8000 Litern Diesel. Diese Menge sollte bei einem 24-Stunden-Betrieb für 33 Tage ausreichen. Die Frischluft wurde beim Notausgang N2 angesaugt, die Abluft konnte beim Kampfstand M1 über einen Auspuff entweichen. Im Frischwasser-Reservoir befanden sich zwei Behälter für je 75'000 Liter sowie einer für 5000 Liter Wasser. Das Abwasser wurde in einer Klärgrube gesammelt und über die Kanalisation in die Beatenbucht hinuntergeführt. Die noch bestehende Kanalisation kommt von der höher liegenden Anlage Waldbrand herunter. Die ungefähre Länge der Leitung vom Werk Waldbrand bis an den See hinunter beträgt gut einen Kilometer und sie ist praktisch überall im Waldboden eingegraben.

Die Unterkunft befand sich im hinteren Teil des Werkes, das heisst rund 400 Meter nach nach Haupteingang. Die Besatzung umfasste 180 Mann. Der Unterkunftstrakt war auf zwei Geschossen gebaut und unterteilt in Unterkunft 1 und 2. Im Westteil befanden sich in der unteren Etage die Küche sowie ein grosser Lagerraum für die Lebensmittelvorräte. Im Obergeschoss der Unterkunft 1 war der Standort des Werkkommandanten. Die übrigen Räume in beiden Trakten waren Schlafräume, Essräume, Toilettenanlagen und Duschen. Ebenfalls in diesem Teil befand sich eine Krankenstation.

In der Anlage befand sich kurz nach dem Eingang die Hauptrettungsstation mit einem Schanzzeug-Sortiment. Im Unterkunftstrakt war die Rettungsstation 2 untergebracht. In der gesamten Anlage waren etwa 20 Feuerlöscher (Wassernebel, Luftschaum, Kohlensäure, Staub) griffbereit. Daneben befanden sich sieben Depots mit Schanzwerkzeugen, Löschwagen, Ölwehr-Material und diversen Eimerspritzen. Der Hauptstollen ist rund 700 Meter lang, die Nebenstollen und Zugänge zu den Kampfständen usw. rund 360 Meter. Die Breite des Hauptstollens beträgt 2 Meter. Vom Eingang bis zur Unterkunft ist die Höhendifferenz gut 50 Meter.

Gemäss Erinnerungsschild waren hier eingeteilt: Fest Kp 73, Fest Kp I/14, Fest Art Kp III/24 und zuletzt Fest Art Kp II/15.

Heute ist die Anlage vollständig ausgeräumt, zurückgebaut und wird noch einmal pro Jahr auf eventuelle Eindringversuche kontrolliert. Der Rückbau begann im Jahr 2003. So wurden im März die allgemeinen Installationen inklusive der Übermittlung abgebaut, dann folgten die elektrischen Anlagen. Anschliessend wurden Gitter vor den Notausgängen sowie dem Eingang montiert. Beim Rückbau wurden die Geschützrohre zersägt und teilweise in den Kampfständen oder in leeren Munitionsmagazinen deponiert. Das ausgeräumte Material wurde mit der Thunersee-Beatenberg-Niederhornbahn in die Beatenbucht abtransportiert, rund zwölf Paletten pro Woche. Der Weitertransport zur Entsorgung erfolgte mit Lastwagen.

Fachleute sind heute skeptisch, was die Widerstandsfähigkeit der Anlage im Ernstfall angeht. Schiessen aus der Anlage wäre wohl nicht ein Problem gewesen, aber die Felswand hätte wohl kaum längerem feindlichem Beschuss standgehalten (und mit dem hätte man rechnen müssen).

Die Bauarbeiten an Festungswerken passierten unter möglichst grosser Geheimhaltung. Doch waren dabei Menschen beteiligt, meist aus der näheren Umgebung. Auch die Ausbruch-, Spreng- und Transportarbeiten konnten nicht unter völliger Geheimhaltung durchgeführt werden. Aus der Bauzeit sind jedoch kaum Bilder auffindbar. Deshalb sind Augenzeugenberichte so wertvoll, um die damaligen Wehr-Anstrengungen zu verdeutlichen.

A1881-0000
Schartenfront des Art Wk Schmockenfluh - in der Mitte die beiden ursprünglichen 7,5 cm-Stände.

So wurde das Werk Schmockenfluh gebaut


Auszug aus einem Bericht von Fritz Jaun (Bergführer, Stechelberg «Ein Leben voller Mut und Tatendrang», 1998)

«Den Rest des Jahres zwischen den Aktivdienst-Einsätzen arbeitete ich als Mineur und Maurer am Festungsbau Schmockenfluh, zwischen Merligen und Beatenberg. In zwei Schichten à 10 Stunden wurde gearbeitet mit der Parole: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Der Felsausbruch wurde in einer Eisenrohrleitung, mit Holzkasten-Unterbrechungen, von der über hundert Meter hohen Fluh direkt in den See hinunter befördert. Des nachts schien die Leitung einer glühenden Schlange gleich. Der Felsausbruch passierte noch unter alter Methode, ab Schulter und trocken gebohrt. Obwohl eine Ventilation den Staub auffangen sollte, war man in kurzer Zeit einem Müller gleich. Auf höchst ungesunde Weise vollzog sich der Stollenbau.»

«Ich meldete mich wieder beim Festungsbau Schmockenfluh zurück. Die Arbeiten sind indessen vorgerückt. Von der Strasse Merligen bis zur Fluh wurde ein massives Holzgerüst gebaut. Oben auf der Fluh wurde zur Aufnahme der elektrischen Seilwinde eine Caverne ausgesprengt. Von der Caverne in die freie Luft hinaus war eine Stahlkonstruktion mit Rollenbatterien vorgesehen. Der Oberingenieur hat mir in seiner Baracke die Pläne und Skizzen gründlich vordoziert. Da sollte man ja fliegen können! sagte ich. Eben ja, erwiderte der Oberingenieur, aber das können ja die Bergsteiger. Mit einem kräftigen Zimmermann, einem Stahlkonstrukteur und zwei Bauarbeitern packte ich die Arbeit an. An luftiges Arbeiten war ich ja gewohnt, aber hier herrschten die hangenden Rechte, an die wir uns zuerst gewöhnen mussten. Lotrecht unter uns arbeitete der Gerüstbau. Um ja keinen Unfall zu verursachen, musste jegliches Material angebunden werden. Wie Vogelnester klebten kleine Gerüste an der Fluh, von diesen aus die Stahlkonstruktion in der Fluh verankert und eingemauert werden musste. Ungefähr in der Fluhmitte kamen die Schiessscharten zu stehen. Ein kleines Sondierloch war bereits vorhanden. Um den Ausbruch möglichst zu halten, musste ein grosses Doppelnetz, gepolstert mit Tannästen und alten Autoreifen, von oben durch Drahtseile und einer Winde freihängend gehalten werden. Das Ausweiten der Schartenöffnungen erfolgte durch leichte Sprengungen von innen. Eine starke Winde, die sich selbst auf ihren Bestimmungsort auf der Fluh hinaufzog, wurde installiert. Mit ihrer Kraft wurden die mehrere Tonnen schweren stählernen Schiessscharten über das erstellte Holzgerüst von der Strasse hinaufgezogen. Es war keine einfache Sache, bis die ungattlichen, stählernen Leiber im Stollenvorplatz ihren vorläufigen Ort gefunden hatten. Eine Seilbahn zum Transport von Sand und Kies wurde für die kommenden Betonarbeiten noch erstellt. der Winter hatte sich auch hier bemerkbar gemacht und die Gerüstarbeiten hatten auch ein Ende gefunden. Wir zogen uns wieder wie Maulwürfe in die Stollen und Gänge zurück. Mit Versetzen und Einbetonieren der Schiessscharten wurde begonnen. Die Betonmischungen wurden ständig kontrolliert, die Tanksperren an der Strasse unten hatten zu wenig Präzision hinterlassen. Mit Tempo wurde jetzt betoniert, man könnte glauben, der Feind wäre schon an der Grenze gestanden. Ich erinnere mich noch gut, als ich nach einer über 40-stündigen Etappe, stehend schlafend auf den Bus nach Interlaken gewartet habe. Erst im winterlichen gang von Lauterbrunnen zu meiner Heimstätte bin ich gleich einer Narkose vollständig erwacht.»

Interessante Links