Festung Oberland

Wehrhafte Schweiz - Bunker und Festungen

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A1860-64/A1866 Bödeliwerke BE


Rund um das Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee wurden fünf Felsenanlagen sowie der dazu gehörende Kommandoposten/Feuerleitstelle erbaut. Nicht alle waren von Beginn weg Artilleriewerke.

  • A1860 Artilleriewerk Goldswil - 633’237/171’844
  • A1861 Artilleriewerk Aenderberg - 634’191/168’830
  • A1862 Artilleriewerk Wilderswil - 632’191/167’503
  • A1863 Artilleriewerk Lütscheren - 630’918/168’931
  • A1864 Artilleriewerk Kammfluh - 631’014/171’223
  • A1866 KP Kaufmannstollen - 631'520/170'940

Die zuletzt eingebaute Bewaffnung aller fünf Bödeli-Werke waren je zwei 7,5 cm Kanonen 03/22 auf Hebellafetten. Die Rede war häufig von Flabständen, wenn es um diese Werke ging. Kürzlich aufgefundene Unterlagen zeigen auf, dass anfänglich Kavernen für die Flab erstellt werden sollten («Flabstände»), dann aber der Zweck auf die Beschiessung gelandeter Truppen und Flugzeuge geändert wurde (Artilleriefeuer). Die fünf Werke wurden in ihrer Gesamtheit ab ca. Dezember 1941 «Artilleriewerk 301» bezeichnet. Als Feuerleitstelle diente der KP Kaufmannstollen.

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Plan des Bödelis mit den Art Wk - © Gedenkbuch Reduitbrigade 21


Was bisher bekannt ist


Offenbar wurde diese Verstärkung der Feuerkraft auf dem Bödeli mit dem Bau des Flugplatzes Interlaken sowie dem neu bezogenen Hauptquartier des Generals nötig. Als Oberleutnant hat Fritz Krähenbühl (1899) von Sept. 1942 bis November 1944 Aktivdienst in der Art. Werkbesatzung 301 gedient. Am 31.12.43 zum Hauptmann befördert, darf man wohl annehmen, dass er die ganze Gruppe kommandiert hat und das 301 die Besatzungen aller Werke umfasst, um so mehr als er ab 7.2.48 die Fest.Art.Kp. 78 kommandierte, die wiederum die Bödeliwerke umfasste.

Schreiben vom 15. August 1941
Am 15. August 1941 wurde der Geniechef der Armee von der Sektion für materielle und technische Angelegenheiten des Armeekommandos gebeten, einen Widerspruch zu klären: Unter dem Titel Geschütze für Interlaken erklärt die Sektion, dass sie mit der Beschaffung von 4x7,5 cm Feldkanonen sowie 6x 34 mm Flabkanonen beauftragt worden sei. Ein Major Stämpfli habe jetzt aber mitgeteilt, dass dafür 10x7,5 cm Feldkanonen vorgesehen seien. «Ich bitte Sie, diesen Widerspruch abzuklären.»

Schreiben vom 16. August 1941
Am 16. August 1941 schrieb der Geniechef an den Chef des Generalstabes der Armee einen Brief mit dem Betreff «Flab-Stände in Interlaken». Damit werden einige Vermutungen über die anfängliche Aufgabe der fünf Bödeliwerke bestätigt respektive geklärt.
1. «Der Chef des Generalstabes hat s. Zt. dem Geniechef der Armee der Auftrag erteilt, bombensichere Kavernen für die Flab in der Umgebung von Interlaken zu erstellen. Gestützt auf eine Rekognoszierung und unter Fühlungsnahme mit dem Stabchef Fl. & Flab. Trp. wurden nachfolgende Stände bestimmt und vom Chef des Generalstabes die zugehörigen Waffen wie folgt bestimmt:
a) Flab-Stand Aenderberg, ob Flugplatz Wilderswil. 1x20mm Flab-K.
b) Flab-Stand Wilderswil, ob dem Schiessstand. 1x75 mm F.K.
c) Flab-Stand Goldswil, ob dem Chalet Stewart. 1x20mm Flab-K.
d) Flab-Stand Lütscheren, ob dem Sprengstoffmagazin. 1x 20mm Flab-K.
e) Flab-Stand Kammfluh, ob der Kiesgrube am Harder. 1x 75mm F.K.

2. Während des Urlaubs von Oberst Vifian hat der Chef des Generalstabes anlässlich einer Besprechung mit Oberst Peter, Chef des BBB bestimmt, dass alle Stände als Doppelkavernen mit ca. 10 bis 40 m Abstand auszuführen sind und dass die Geschütze nicht für Wirkung in die Höhe, sondern nur für den Abschuss gelandeter oder in Landung begriffener Flugzeuge bestimmt seien. Die Verwendung von Kommandogeräten für Flab-Kanonen sei somit nicht notwendig, da die Geschütze nur für den direkten Schuss zum Einsatz gelangen werden.

3. Gestützt auf die in Ziffer 2. erfolgten Verfügungen sind die Arbeiten projektiert worden und zur Ausführung an Zivilunternehmen übertragen worden. Sie sind z. Zt. in Ausführung begriffen und werden sämtliche 5 Doppelstände inkl. Verbindungsstollen im Rohausbruch z.T. bis Ende August, z.T. bis Mitte September fertig. Anschliessend folgen die Betonarbeiten und Innern Einrichtungen.

4. Ich mach aufmerksam, dass das Kreditbegehren s. Zt. gestützt auf die unter Ziffer 1 angegebenen Erfordernissen aufgestellt worden ist und im Betrag von Fr. 240'000.- bewilligt wurde. Durch die in Ziffer 2 verfügten Aenderungen (Doppelkaverne und Verbindungsstollen) sind die Arbeiten wesentlich vergrössert worden, so dass jedenfalls mit einer Kreditüberschreitung zu rechnen ist.

5. Aus einem Schrieben des Chefs für mat. & tech. Angelegenheiten an den Geniechef vom 15.8.41 ersehe ich, dass anstelle der in Ziffer 1 ursprünglich bestimmten 20 mm Flab-K. nun 34 mm Flab-Kanonen bestellt worden sind. Da ich alle Stände ohnehin gleichgross, d.h. für 75 mm Feldkanonen vorgesehen hatte, werden die 34 mm Flabkanonen voraussichtlich ohne weiteres hineindisponiert werden können, einzig wird die - z. Zt. noch nicht ausgeführte - Ausschuss-Scharte anders projektiert werden müssen.

6. Aus der z. Zt. gemäss Ziffer 1 erfolgten Verfügung und dem oben erwähnten Schreiben der Sekt. f. tech & mat. Angel. muss ich entnehmen, dass jedenfalls folgende Disposition der Kanonen nun vorgesehen ist:
a) Flab-Stand Aenderberg. 2x34mm Flab-K.
b) Flab-Stand Wilderswil. 2x75 mm F.K.
c) Flab-Stand Goldswil. 2x34mm Flab-K.
d) Flab-Stand Lütscheren. 2x 34mm Flab-K.
e) Flab-Stand Kammfluh. 2x 75mm F.K.

Ich ersuche um umgehenden Bericht ob diese Disposition als endgültig angesehen werden kann, oder ob ev. in gewissen Ständen zweckmässiger je 1 Flab-Lan + 1 Feld-K. vorzusehen ist und ev. in welchen Ständen. Zur Bestimmung der minimalen Ausschussoeffnungen ersuche ich ferner, dass wir je 1 34 mm Flab-Kan und 1 75mm Feldkanonen im Zeughaus Interlaken zur Verfügung gestellt wird, besonders auch darum, weil betr. Feld-Kan ich letzthin orientiert worden bin, dass ev. die alten Krupp-Lafetten anstelle der neuen 7,5 cm Lafetten vorgesehen würden. Im übrigen ersuche ich den mit dieser Flab-Verteidigung im Kriegsfall vorgesehenen Kdt. zu veranlassen mit mir Verbindung aufzunehmen, damit verschiedene Details betr innern Einrichtungen etc. an Ort und Stelle besprochen werden können. Der Entscheid über alle diese Fragen muss unbedingt im verlaufe der nächsten Woche fallen, ansonsten ich und die am Bau beschäftigten Unternehmer in ihren baulichen Dispositionen behindert werden. Gez. Major Stämpfli - Kopie u.a. an Oblt. Schmid, BBB als örtlicher Bauleiter.»

Damit wird einiges klar. Offen ist die Frage, welche Version der 7,5 cm Feldkanone 03 schliesslich eingebaut wurde (Version 03 mit Krupp-Protze oder 03/22 mit in der Schweiz modernisierter Protze)? Diese Frage war allenfalls bei der Erstbewaffnung interessant, für den später statt gefundenen Einbau von Hebellafetten spielte diese Frage keine Rolle. Interessant wäre auch, wie die Ausschuss-Öffnungen respektive Scharten in der Anfangsphase ausgesehen haben! Dass der Transport der Geschütze in die hoch in den Felswänden gelegenen Stände nicht ganz einfach gewesne sein muss, ist klar. Vielleicht wurden ja die Betonarbeiten an den Scharten erledigt, nachdem die Geschütze schon in den Kampfräumen waren?

Schreiben vom 2. September 1941
Im September 1941 schrieb der Geniechef der Armee allerdings an die Sektion für materielle und technische Angelegenheiten im Armeestab, dass «für den Einbau der vier vorgesehenen 7,5 cm Feldkanonen Hilfslafetten des Systems Bühler in Uzwil verwendet würden. Die Geschützkonstruktion bedingt jedoch einige Änderungen an der Hilfslafette wie am Geschütz». Als notwendige Anpassungen werden aufgezählt: Abmontieren der Schutzschilder, Abmontieren der Bremsgestänge & Bremsvorrichtungen und Abmontieren der Fusstritte vor der Radachse.

Die Geschütze, die «für die Flabstände zugeteilt sind, tragen die Nummern 732, 733, 734 und 735, stehen zur Zeit in der Garage des Hotels Krebs in Interlaken. Die Umänderungen könnten durch Personal der K+W Thun im Zeughaus in Interlaken vorgenommen werden». Der Geniechef fordert um sofortige Auftragserteilung. Der Chef der angeschriebenen Sektion ist einverstanden und ersucht den Geniechef, direkt mit der K+W Kontakt aufzunehmen.

Schreiben von anfangs Dezember 1941
Anfangs Dezember 1941 geht ein Schreiben der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) an die Konstruktionswerkstätte Thun, überschrieben mit «7,5 cm-Feldkanonen im Art. Werk 301, Interlaken». Hier taucht erstmals diese Werkbezeichnung auf. Weiter heisst es, dass «an den vier 7,5 cm-Feldkanonen in den Kavernen des oben vermerkten Werkes» seinerzeit die Schutzschilde entfernt wurden. Das Armeekommando verlange neuerdings, diese wieder anzubringen. An Ort und Stelle soll geprüft werden, ob die Wiedermontage der Schutzschilde an den Geschützen, welche in Hilfslafetten System Bühler eingebaut sind, möglich sei.

Schreiben vom 24. Dezember 1941
Der Briefwechsel geht weiter: Am 24. Dezember 1941 antwortet die K+W an die KTA: Die Wiedermontage der Schutzschilde an den Geschützen sei ohne weiteres möglich. «Wir erlauben uns, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass dadurch ein wirksamer Schutz aus folgenden Gründen nicht zu erwarten ist:
  • Um den vollen Schwenkbereich in der Seite auszunützen, muss der Schutzschild hinter der Lafettenachse montiert werden. Dadurch entsteht zwischen dem Schild und der Schartenöffnung ein Abstand von ca. 1 Meter, und es muss daher bei Treffern auf den Schutzschild mit Ricochets (Splittern/Abplatzern) gerechnet werden.
  • Ferner wird durch den Schutzschild der Ausblick verkleinert und damit die Geländeübersicht verschlechtert.»
  • Mit dem Anbringen der Schilder könne wegen starker Überlastung in der Montageabteilung nicht vor Ende Januar 1942 begonnen werden.

Das lässt offen, wie die Stellungen zu der Zeit wirklich aussahen. Sind dies offene Scharten, ev. nur provisorisch geschützt? Wie gross sind die Schartenöffnungen, wenn vom vollen Ausnützen des Schwenkbereichs die Rede ist? Wieviel sehen die Geschützbesatzungen vom Gelände? Und wie sehen die Hilfslafetten System Bühler aus? Bekannt ist ein Lafettensystem Bühler für rasches Drehen der Geschütze bei der Panzerabwehr. Handelt es sich um diese Lafettierung?

Schreiben vom 28. Mai 1942
Ein weiteres Schreiben des Geniechefs der Armee vom 28. Mai 1942 ist an den Kommandanten der Artilleriewerk-Besatzung 301 (Hptm Elmer) gerichtet: Der Betreff lautet «Flabstände Interlaken. Panzerplatten und Tarnnetze». Daraus geht eindeutig hervor, dass im Werk Lütscheren 34 mm-Flabkanonen montiert waren. Das Schreiben lautet wie folgt: «Für den Kurs der Artilleriewerk-Besatzung 301 vom 4.5. bis 9.5. 1942 wurde versuchsweise ein Modell einer Panzerplatte für die 34 mm-Flabkanone im G1 (Geschützstand 1) Lütscheren montiert und bei G2 ein Tarnnetz.» Der Geniechef fordert einen Bericht, ob sich die Panzerplatten bewährt hätten, «d.h. ob die Schwenk- und Beobachtungsmöglichkeit sowie die Bedienung des Geschützes nicht erschwert werden. Ohne den Bericht ist es mir nicht möglich, die Panzerplatten und die Tarnnetze zu bestellen», meint der Geniechef.

Es gibt also noch weitere Nachforschungen zur Geschichte dieser Werke zu machen.