Dienst in den geheimsten Anlagen
Persönliche Erinnerungen aus der aktiven Zeit in den Festungen sind immer sehr spannend. Hier ein weiteres Beispiel eines Autors, der ungenannt bleiben will. Führungsanlagen - sogenannte K-Anlagen - sind ja meist kaum mehr als Büros in Felskavernen mit der entsprechenden Kommunikationsausstattung. Aber weil sie als Nervenzentren aber strenger geheim gehalten wurden als Waffenstellungen, ranken sich viele Gerüchte um diese K-Anlagen.
Als ehemaliger Angehöriger der Festungstruppen habe ich beinahe alle grossen Artillerie-Werke in den Regionen Sargans, Gotthard und St. Maurice kennengelernt. Als Festungsfüsilier hatte man nicht nur den grossen Vorteil, regelmässig am Tageslicht und an der frischen Luft Dienst zu tun, sondern man bekam aufgrund der Aussenverteidigungsanlagen doch einen recht guten Eindruck über die ungefähre Dimension und Grösse der einzelnen Anlagen. Die heute verfügbaren und deklassifizierten Pläne und Grundrisse der entsprechenden Werke haben mir meine diesbezüglichen Vermutungen allesamt bestätigt. Ausserdem weiss jeder aufgeweckte Fest Sdt, wie einfach es beispielsweise während eines Ausgangs im Werk oder eines KVK-Sonntags ist, ausgedehnte Werkswanderungen oder «persönliche Rekognoszierungen» vorzunehmen. Dabei wurde in der Aufregung ab und zu leider vergessen, vor einer Haubitzenscharte das schwere Eisentarnnetz wieder zu schliessen oder ein Turmgeschütz wieder in seine Ruheposition zu drehen und nicht «erigiert» stehen zu lassen – das laute Donnertoria des Art Of am darauf folgenden Morgen hat einem dann die unverzeihliche Nachlässigkeit wieder in Erinnerung gerufen.
Es sei hier erwähnt, dass selbst in den letzten WKs der Festungstruppen eisern am Grundsatz «Wissen nur wo nötig» festgehalten wurde. Es ist mir nicht bekannt, dass einer Truppe je detailliert über Aufgabe, Grösse und Anordnung der eigenen Anlage Auskunft gegeben wurde. Selbst im letzten WK einer Fest Art Kp im Glarnerland wurde der Kompanie verweigert, endlich einmal das ganze Werk inklusive Aussenanlagen besichtigen zu dürfen. Der spätere Verwendungszweck der Anlage sei noch unbestimmt und eine Offenlegung der Infrastuktur deshalb unangebracht, weissagte der letzte Kdt. Wenige Monate später konnte man der Lokalpresse entnehmen, dass ein Werk vollständig ausgeräumt und geschlossen werde, und das andere möglicherweise als Asylbewerber-Unterkunft in Frage komme.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde ich von den Fest Trp einem Armeestabsteil zugeteilt. Dass ich dadurch Teilnehmer der letzten grossen Stabsübungen mit Beteiligung von militärischen und zivilen Stellen in den damals noch hoch klassifizierten K-Anlagen wurde, wurde mir erst viel später bewusst. Ich erlaube mir hier einige Schilderungen über Anlagen, die heute nicht mehr klassifiziert sind oder nicht mehr die ursprüngliche Funktion haben. Besonders gut in Erinnerung ist mir die Anlagen K7 bei Attinghausen und sowie eine weitere (in umgenutzter Funktion noch als aktiv geführte) im Berner Oberland.
Der Eingang zum K7 liegt im Norden von Attinghausen, ca. 1 km ausserhalb des Dorfzentrums. Wer auf map.search «Attinghausen» klickt, findet den Zufahrtsweg via Reussstrasse/Feldstrasse, wo die Zufahrtsstrasse durch eine kleine Baumgruppe an den Hang führt. Der ganze Eingangsbereich des K7 ist imposant und durch zahlreiche Infanteriestellungen geschützt. Als Spaziergänger ist es absolut unproblematisch, das ganze Areal zu besichtigen und zu begehen.
Geübte Augen können auch den Eingangsbereich des Oberländer Bunkers, dem zu Tarnzwecken ein begrünter Erdhügel vorgelagert ist, auf der Vorbeifahrt sehen. Eine namenlose Strasse zwischen Autobahn und bewaldetem Berghang endet dort plötzlich vor dem Felsen. Interessant: Wenige Meter rechts vom heutigen Eingang sind noch die ursprünglichen, vermauerten Eingangstore des 1941 gebauten Bundesratsbunkers zu sehen.
Der wohl grösste Unterschied zwischen einer Führungsanlage und einem Festungswerk ist die räumliche Dimension. K-Anlagen sind nichts anderes als geschützte Bürogebäude tief im Fels, die aus mehreren grossen Kavernenhallen bestehen, die teils nebeneinander, teils übereinander oder vom Eingangsstollen her gesehen teils abgewinkelt ausgebaut sind. Bei beiden erwähnten Anlagen ist bereits das Eingangsportal recht imposant angelegt: Hinter dem schweren Eisentor mit Rampe befand sich am Ende einer Halle die Eingangskontrolle: Man musste in eine Art Feldstecheranlage blicken, verschiedene Lichtkreise in Übereinstimmung bringen und den persönlichen, damals vierstelligen, Code eintippen. Erst danach öffnete sich das eiserne Drehkreuz, wobei der Blick jedes Mal zum Aquarium bei der Eingangskontrolle fiel, wo eine Forelle zum Zweck der Wasserkontrolle ihren Dienst am Vaterland verrichtete.
Danach führte ein schlichter Stollen in den Berg. Nach 200 bis 300 Metern verzweigten sich in einer weiteren Kaverne die Wege in die verschiedenen Bereiche. Ungewohnt für einen ehemaligen Festungssoldaten war die Tatsache, in einem Werk Damen- und Herrentoiletten vorzufinden. Sowohl in K7, wo sich eine der imposanten Florida-Luftraumüberwachungs-Zentralen befand, als auch in der Oberländer Anlage, dem früheren Kriegssitz der Landesregierung und der wichtigsten Teile der Bundesverwaltung, waren regelmässig Angehörige des früheren MFD oder weibliche Angestellte der Bundesverwaltung anwesend. Wobei hier angefügt werden muss, dass die Anlage im Berner Oberland, deren erste Stollen mit Bundesrats-Bereich aus den 1940-er Jahren stammen, nach und nach ausgebaut und modernisiert wurden, während dem die Anlage bei Attinghausen Ende 1950-er/Anfang 1960-er Jahre gebaut wurde. So jedenfalls erzählte es mir ein Festungswächter.

Arbeit mit den Radio-Sendeanlagen in einer K-Anlage
Das spannende an einem Dienst in einer K-Anlage ist die Dimension der Räumlichkeiten und Gänge und die Verschiedenheit der «Insassen». Da waren einerseits die Jungs von der HQ-Abteilung, die für den Dienstbetrieb, also Küche, Infrastruktur, Sicherheit etc. besorgt waren. Dann kamen die Kameraden vom Festungswachtkorps, die auch immer in erstaunlich grosser Zahl «umewäg» waren. Dann natürlich eine Unmenge subalterner und hoher Offiziere verschiedenster Couleurs: In Attinghausen logischerweise viele blaue «Lüftler», Angehörige der Luftwaffe, und im Oberland viele Zivilisten, Chefbeamte von Bund oder Kanton, die in der Übung entweder Bundesrat, Regierungsrat oder sich selbst spielen mussten.
Da damals die Anlagen über grosse Radio- und Fernsehstudios verfügten, waren schliesslich auch viele, zum Teil bekannte Medienleute und Journalisten im Tarnanzug zu entdecken – unter ihnen einige, die im Ausgang stolz ihre «geschenkten» Fachof-Spiegel spazieren führten und jedes Mal verstummten, wenn man sie nach der (sehr bescheidenen) Zahl ihrer Diensttage fragte. Aber der grösste Unterschied zwischen einem klassischen Festungswerk der Schweizer Armee und einer K-Anlage ist … das Klima. Ich habe keine K-Anlage angetroffen, bei der es je von irgendwoher herab getropft hätte. Analog einer Zivilschutzunterkunft und ganz im Gegensatz zu einem Artilleriewerk, welches nicht nur oft den nackten, rauhen Fels hergibt, sondern eben auch seine natürlichen Nasszonen hat.