Füsilierbatallion 52 im WK 1943: Generalswache


Der Herbstablösedienst vom 10. Oktober bis zum 11. November 1943 war speziell: Der Dienst wurde mit nie dagewesener Spannung angetreten, wie im Erinnerungsbuch zu lesen ist. Dem Batallion war die Bewachung des Armeehauptquartiers in Interlaken übertragen. Dorthin fuhr es sofort nach der Mobilmachung mit zwei Extrazügen der Brünigbahn. Am späten Abend des 10. Oktobers kamen wir in Interlaken-Ost an und bezogen für die Dauer der Ablösung provisorische Quartiere, die dritte Kompanie in Ringgenberg, wo ihr die erste Dienstwoche für Ausbildung zur Verfügung stehen sollte. Die anderen Einheiten kamen der Reihe nach ebenfalls für eine Woche dorthin. Die provisorische Unterkunft hatte ihre Mängel, namentlich fehlten die Telephonverbindungen und die zu Fuss zurückzulegenden Distanzen waren etwas gross und daher zeitraubend. Am 12. wurden dann die Wachen übernommen. Die Hauptwache war ein weit über eine Kompagnie starker, riesiger Apparat, sie stellte die Schildwachen für sämtliche Bureaux, Depots und anderen Einrichtungen des Armeestabes, hatte die ersten Massnahmen bei Brandausbruch zu treffen, alles wie immer bei einer Polizeiwache, nur in überdimensioniertem Masstab.


Wachaufzug der Generalswache in Interlaken

Kernstück und begehrteste Kommandierung war aber die Generalswache. Dieser zugsstarken Equipe war die Bewachung der Wohn- und Arbeitsräume des Generals an der Gartenstrasse und vor allem die Sorge für die persönliche Sicherheit des Oberbefehlshabers zugewiesen. Die Schildwachen - im wesentlichen die einzige Repräsentationstruppe des Generals - standen an allen wichtigen Ecken der Liegenschaft und besonders beim Eingang unbeweglich und hatten die Ausweise der Einlass Begehrenden sorgfältig zu prüfen. Nachts war die Bewachung durch Hunde verstärkt. Die ganze Wache wohnte in einer Baracke nahe beim Haus. Bei aller gesteigerten Straffheit ist dieser Dienst in keinem Augenblick als Last empfunden worden. Neben dem unvergleichlich Ehrenvollen und Interessanten - man kam fast täglich in Kontakt mit hohem Besuch - war es der Umstand, dass man mit dem General selbst fortwährend in respektvoller aber menschlich schöner Beziehung stand.

Es begann am frühen Morgen, wenn unser oberster Kommandant auf den Balkon oder in den Garten trat, um an der frischen Luft den neuen Tag und seine Soldaten zu begrüssen. «Guten Tag, Schildwache» sagte er, und die Schildwache antwortete «Guten Tag, Herr General», freudig und frei wie zu einem Vater. Dass dies nicht nur zur Not geduldet, sondern das Richtige sei, hatte der vorsorgliche Adjutant in den Wachtbefehl geschrieben, wohl wissend, dass viele unserer Leute - mehr durch primitive Vorgesetzte missgeleitet als durch eigene Schuld - die veraltete Tendenz haben, vor viel Gold in Achtungstellung zu erstarren, ohne mehr ein Wort «gaggsen» zu können. In Interlaken klappte das, eine einzige Belehrung und die Atmosphäre des Hauses genügten vollkommen. Der Wachdienst war freilich nicht alles. Dem Armeestab war auch noch eine ganze Centurie von Bureau-Ordonnanzen zu stellen, was bei uns weiter keine Schwierigkeiten verursachte, aber wir fragten uns, was wohl dann los sei, wenn vorwiegend aus der landwirtschaftlichen Bevölkerung rekrutierte Truppenkörper hier seien.

Weiter waren regelmässig zahlreiche Leute in den Küchenbetrieben, bei der Schweinemast (besonders aufgezogen für die Verwertung der vielen «Säutränke»), im Holz und anderswo. Dazu kamen täglich wechselnde Arbeitsleistungen, etwa beim Legen von Leitungen durch eine Telegraphenkompagnie, und anderes der verschiedensten Gattungen. Einmal wurde für freiwillige Dienstleistungen ein junger Offizier mit guten Umgangsformen gesucht, gepflegte Erscheinung, geeignet als Tennispartner einer in die Schweiz geflüchteten italienischen Prinzessin. Ich weiss nicht mehr, ob sich keiner gemeldet hat oder keiner in Frage kam.


Der General spricht zu den Offizieren des Batallions

Die zahlreichen kleinen Begehren um vorübergehende Zuweisung von Leuten gingen über die «V. Kompagnie» des Bewachungsbataillons, einen aus ständigen Angehörigen und wechselnden, den jeweiligen Bewachungsbataillonen entnommenen Leuten, bunt gemischten Verband, der zeitweise mehrere hundert Wehrmänner zählte und doch mitunter weniger als ein Dutzend beim Hauptverlesen hatte. Gleich als wir eintrafen und unsere Aufgabe vom Bataillon 169 übernommen hatten, bat der General die Kommandanten zu einem kurzen Besuch. Nach freundlicher Begrüssung wollte er von jedem wissen, was er im bürgerlichen Leben treibe. Hierauf erkundigte er sich nach dem Funktionieren der Urlaubsregelung, besonders wollte er erfahren, ob und wieviel Bauern aus Einmannbetrieben im Bataillon seien, er empfahl für sie besonders sorgfältige Rücksichtnahme. Bei seiner Frage nach den Beständen wurde entgegnet., dass gegenüber früher eine Verschlimmerung, d. h. eine Verknappung, eingetreten sei wegen der Aufstellung der Regimentsgrenadierkompagnien.

Mit Lebhaftigkeit ergriff er sofort dieses Thema und führte aus, dass die Zusammenfassung der Grenadiere im Regiment nach reiflicher Überlegung verfügt worden sei. Bei allen Nachteilen, namentlich der Schrumpfung der Füsilierbestände und der Qualitätsverminderung durch Versetzung gerade der Besten seien die Vorteile nicht zu übersehen und von entscheidendem Gewicht. Die Zusammenfassung gestatte eine systematische und einheitliche Ausbildung, ermögliche je nach Bedarf den Einsatz der ganzen Kompagnie oder einzelner Züge zugunsten der Bataillone, die ihn gerade nötig hätten, schliesslich sei der Nachschub des vielen Sondermaterials zentralisiert und damit vereinfacht. Im Flug war damit eine Stunde vorbeigegangen, die Begleiter aus dem Hauptquartier gaben den Wink, es sei jetzt Zeit, sich abzumelden. Unverzüglich war auch der taktische Teil unserer Aufgabe zu bereinigen. Oberstleutnant Rösch, der damals den Titel «Kdt. Det. AHQ» führte und auf 1944, als Oberst Wyss zurückkrebste, Kommandant des Hauptquartiers wurde, erteilte uns die Verteidigungsbefehle, besonders für die Abwehr von Überfällen und Beim Aufzug der Hauptwache in Interlaken führte die Offiziere durch Erläuterungen auch an Ort und Stelle in die Einzelheiten ein. Im übrigen beschränkte sich die Tätigkeit der Vorgesetzten, abgesehen vom Wachtdienst, vorwiegend auf die Kontrolle der guten Haltung. An kleinen Zwischenfällen fehlte es nicht. Manch einer mochte sich denken: wenn ich mit dem General selbst auf so kameradschaftlichem Fuss umgehe, was soll ich dann wegen eines Stabssekretärleutnants noch ein grosses Wesen machen?

Das Melden («Herr Leutnant, Füsilier Degen in die Küche») war für die Dauer des Dienstes glücklicherweise abgeschafft, die Zustände in den Strassen von Interlaken wären sonst katastrophal geworden. Es gab wirklich sehr viele Obersten... (Der General selbst schreibt in seinem Aktivdienstbericht Seite 161, die Kritik und die Witze die sich auf den Armeestab bezogen, hätten einen Kern Wahrheit enthalten), imposante und weniger imposante. Auf jeden Fall waren die an den Schlüsselpositionen alle vertrauenserweckend. Das Bataillonsspiel hatte Hochbetrieb, der Spielführer beklagte sich bald, seine Trompeter hätten alle «Plätz ab» im Hals und zwar vom Blasen. Musik war unentbehrlich bei den wöchentlichen zwei Wachtaufzügen (Hauptwache und Generalswache), dazu kamen häufige Ständchen vor den Esslokalen der Offiziere des Armeestabes, Sonderständchen für den zu Besuch eingetroffenen Regierungsrat Leupin und den Chef der Sektion für persönliche Ausrüstung der Kriegsmaterialverwaltung, Oberstleutnant Hartmann, den ehemaligen Zeughausverwalter von Liestal. Dieser freute sich ganz besonders, in Interlaken ein Bataillon aus der Heimat begrüssen zu dürfen und vor seinem Bureaufenster den Baselbietermarsch zu hören.

Im Kreis einiger unserer Offiziere hat er dann das Ereignis noch besonders gefeiert, bis spät in den Abend hinein dauerte der gegenseitige Austausch froher Erinnerungen und in mehreren spontan gehaltenen Ansprachen feierte der Gastgeber die erneuerte alte Kameradschaft. Im weitern hatte das Spiel bei drei Geburtstagsfeiern mitzuwirken. Am 21. Oktober verfügte es sich in aller Frühe vor die Fenster des Generals, vereinigte sich mit dem Chörlein der diensttuenden Generalswache und überraschte mit Marschmusik und Gesang den verehrten obersten Chef, dieser trat sofort hinaus und bedankte sich persönlich für die Aufmerksamkeit. Um 0715 Uhr fuhr er bereits fort zu einer Inspektion. Ebenfalls in unsere Interlakener Zeit fiel das Wiegenfest des Generalstabschefs und des Kommandanten des Hauptquartiers, Oberst Wyss. Auch hier gab es Marschmusik, und zwar wohlweislich unangemeldet. Den Höhepunkt der verantwortungsvollen Tätigkeit unserer Trompeter bedeutete aber die Ankunft der eben aus der Schule entlassenen Rekruten. Diese Ankunft war angemeldet worden, auf Tag und Stunde genau. Der Kommandant wollte den Übertritt in die Einheiten zu einer eindrücklichen Zeremonie gestalten und schickte Fahne und Spiel mit einem Offizier an den Bahnhof.


November 1943: Das Batallion defiliert vor dem General in Interlaken

Er selbst stellte sich beim Kommandoposten, umgeben von seinen Kompagniechefs und dem Stab au grand complet zum Empfang bereit. Aus irgend einem Grunde entstieg dem Zug ein einziger Mann. Unter den Klängen des Marsches «Fräulein, händ sie mis Hündli gseh» und mit der Fahne wurde der Einzige durch das Dorf auf die Höhematte geleitet und dort vom ganzen Komitee empfangen, es blieb weiter nichts übrig, als eine elegante Anerkennung der ganzen Komik. Die Anwesenheit in unmittelbarer Nähe eines Zeughauses wurde zum Umtausch von Tornistern und zum Fassen der Feldmütze benützt. Auch sonst brachte der Aufenthalt in Interlaken manchen Vorteil, zum Beispiel die Extrafahrten auf das Jungfraujoch zu einem unwahrscheinlich billigen Preise. Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben alle davon Gebrauch gemacht. Die Ausbildung stand naturgemäss im Hintergrund. Abgesehen von der jeweiligen «Kompagnie Ringgenberg», die eine Woche dafür zur Verfügung hatte, reichte es nur zu wenig anderem.

Gelegentliche Scharfschiessen fanden im Saxetental statt, bei einer solchen Gelegenheit stürzte Leutnant Suter von der Mitrailleurkompagnie zu Tode. Er wurde unter grosser Anteilnahme nach Basel geleitet und dort begraben. Ehe man sichs versah, war das ablösende Genfer Bataillon 123 da und unter dem Dröhnen des Marsches «Aux armes de Genêve» wurden unsere Wachen abgelöst. Vor der Entlassung liess der General das ganze Bataillon auf der Höhenmatte antreten und inspizierte es. Dabei ereignete sich neben Erhebendem auch Lustiges. Der Kommandant der ersten Kompagnie antwortete auf die Frage des Generals nach der Anzahl Schützenabzeichen: «Zwölf!», als er aber die Träger der Auszeichnung vor die Front treten liess, erschienen viel, viel mehr. Der General zählte sie und berichtigte: «Mal drei gibt sechsunddreissig!» Der von der dritten rief: «Die mit Schützenschnur auf ein Glied Sammlung!» Ein einziger bemühte sich, das Glied zu formieren, sich auszurichten und einzudecken.

Nach Abschluss der Besichtigung rief der General alle Offiziere zu sich. Er gab uns zwei Ermahnungen zum Beherzigen mit auf den Heimweg. Er lenkte unsere Aufmerksamkeit einmal auf die Bedeutung, die der gute Einzelschütze in unserer Armee noch immer hat, seit Schaffung des Reduits mehr denn je, und forderte die gebührende Pflege dieser unserer traditionsreichen Kunst. Zum zweiten forderte er uns auf, ihn in seinen Bemühungen auf endliche Ausrottung des «verdammten Stakkatos, ich kann nicht anders sagen» tatkräftig zu unterstützen. Immer wieder höre er bei Besichtigungen das «Herr Ge-ne-ral», obwohl er nicht müde werde, diese Unsitte zu tadeln. Das Defilée auf der Höhenstrasse verlief tadellos. Damit war einer der schönsten und an hübschen Episoden reichsten Ablösungsdienste an seinem Ende angelangt. Wir selbst, aber auch unsere Vorgesetzten, waren zufrieden, wenigstens sagte Hauptmann Marguth beim Abschied: «Trotz bestem Willen habe ich nichts zu meckern.»