P26 im Berner Oberland
Nachweisbar sind heute mindestens zwei Lager- respektive Führungs- und Ausbildungsanlagen der ehemals geheimen Kaderorganisation P26 im Raum Berner Oberland. Es handelt sich dabei um das ehemalige Artilleriewerk Krattigen, das unter der Bezeichnung «Alpengarten» für Ausbildungskurse — u.a. Schiessausbildung — genutzt wurde sowie um den früheren KP der 1. Division in Gstaad (Oberbort) unter der Bezeichnung «Schweizerhof». Der heutige Datenbunker beim Flugplatz Saanen (ehemals KP) ist nie von der P26 benutzt worden, auch wenn dies damals einige Medien meldeten.
Die P26 war als geheime Kaderorganisation mit Kleinstzellen aufgebaut, um im Ernstfall den Aufbau einer Widerstandsorganisation zu ermöglichen. Vorläufer der P26 war die Aktion Nationaler Widerstand (AWN) von Major Hagen und Kpl Fritz Frey (1940-45), der Spezialdienst des Territorrialdienst (1948-67) und der Spezialdienst der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr UNA (1968-81). Aufgedeckt wurde das Vorhandensein der P26 anfangs der 1990-er Jahre und löste eine Welle der Empörung aus - auch politisch. Die ganze Organisation bleibt weiterhin geheimnisumwittert, da die offiziellen Berichte und Unterlagen erst 2020 freigegeben werden. «Offizieller» Chef war Efrem Cattelan, Deckname Rico. Die eingesetzte Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) kritisierte in ihrem Schlussbericht vor allem die mangelnde Kompentenzabgrenzung, parlamentarische Kontrolle sowie fehlende gesetzliche Grundlagen für die Organisation. In der Folge wurde die P26 - wie auch der Nachrichtendienst P27 - aufgelöst. Sonderbar ist jedoch, dass die PUK für ihre Arbeit nicht mal mit den namentlich bekannten P26-Mitgliedern gesprochen hat.
Damit die Informationen nicht verloren gehen (wie offenbar durch Aktenvernichtung der Vorgängerorganisationen teilweise passiert ist), werden ehemalige Mitglieder der P26 sowie der Vorgängerorganisationen aufgefordert, ihre Geschichte zu erzählen. Gesammelt werden die Ergebnisse im Forschungsprojekt REWI. Aber auch diese Informationen bleiben bis 2020 unter Verschluss. Kontakt: Militärhistorische Stiftung, Projekt REWI - Seestrasse 31, 8806 Bäch - resistance.suisse@bluewin.ch
In den letzten Monaten im 2009 wurde die Geheimhaltung der Mitglieder gelockert, einige sogar von Bundesrat Ueli Maurer empfangen und für ihren Einsatz geehrt. Es wird also doch möglich, von den damals involvierten Personen Informationen aus erster Hand zu erhalten. Jedoch ist klar, dass es aus Persönlichkeitsschutz jedem Mitglied überlassen wird, ob es sich outet oder nicht (Interview mit P26-Chef Efraim Cattelan vom 29.9.2009 im «Tagesanzeiger»)
Die vorhandenen Medienberichte aus dem Jahr der Aufdeckung basieren zum grossen Teil auf Vermutungen. Aus berufener Quelle ist zugesichert worden, dass damals jedoch sehr viele Halbwahrheiten oder sogar falsche Informationen publiziert wurden.
Als die verdeckte Organisation aufgedeckt wurde, konnte die Anlage «Schweizerhof» im Dezember 1990 in Gstaad besichtigt werden. Hier einige Pressestimmen:
* Sein Innenleben ist alles andere als spektakulär: Schlichte Schlaf- und Unterrichtsräume verströmen den Charme einer Jugendherberge der 60er Jahre. Hier wurde nur Funkausbildung betrieben. Die Poster an den Wänden zeigen «Geschützte Pflanzen in der Schweiz» oder die «Anatomie der Schnecke». Einen Hauch kriegerischer Atmosphäre dürfen die Journalisten lediglich im Schiesskeller schnuppern. Das Poster hier «Das 1. Glied des Zeigefingers betätigt den Abzug». Im Raum Nr. 86, Ricos Zimmer, stecken noch Zahnbürste und Zahnpasta im Wasserglas. Offenbar noch in Betrieb ist der Reisswolf: Sein Plastikeinsatz ist voller Schnipsel.
* Während unten im Tal, im mondänen Palace-Hotel, zum Diner die Champagnergläser klirrten, peitschten weiter oben, ganz in der Nähe von idyllisch gelegenen Ferienhäusern, Pistolenschüsse zum Combatkampf. Das geschah ungehört, ungesehen und unerkannt. Jahrelang, wie es die Einwohner und Feriengäste bislang wohl nur im Kino erlebt hatten, wurde oberhalb von Gstaad, an der Oberbortstrasse und nicht weit vom Dorfzentrum entfernt, für den totalen Widerstand im feindbesetzten Gebiet geübt. Ein getarnter Eingang am Fusse eines rund 15 Meter hohen Felsvorsprunges, gesichert mit Betontüre und Stahlgitter, verbirgt dort im Fels eine jener Ausbildungsanlagen der Geheimarmee P26, wie sie an zahlreichen anderen, bislang noch geheimen Orten in der Schweiz ebenfalls existieren. Von 1983 bis im Sommer 1990 haben hier Geheimarmisten all jene Fertigkeiten geübt, die auch ein James Bond in brenzligen Situationen gebrauchen kann. In einem mit schwarzen Vollgummiquadern ausgekleideten Mehrzweckraum übten die Widerständler zum Beispiel das reflexartige Schiessen mit der Pistole. Während Peter Flückiger, lnformationschef im Stab der Gruppe für Ausbildung des Eidgenössischen Militärdepartementes, die Räumlichkeiten erklärt, klaubt ein Journalist gerade ein 9-Millimeter-Geschoss aus einem Gummiquader. Der Raum ist mit grünem Filzteppich ausgekleidet und mit Spotlicht beleuchtet - als wär's der Freizeitraum in einer Jugendherberge. Ein Plakat, das in der Ecke hängt, wirbt für die «SIG P 210 - die Traumwaffe alter Combatschützen». Darunter stehen zwei Papierkübel, sauber angeschrieben mit «Handtücher» und «Munitionsverpackungen». Im Raum Nummer 8.6 - dort, wo «Rico» schlief, stehen zwei Betten mit Metallrost, graue Garderobenschränke, Waschbidons. Im Zahnputzglas stehen noch Zahnbürste und Zahnpasta. In einem langen, betonverkleideten Korridor findet sich ein Reisswolf. Der Kübel darunter ist mit Papierschnipsein gefüllt. Und in einem Büro hängt ein Juxposter - «Den Anordnungen der Putzfrau ist Folge zu leisten.» Und: «Der Chef hat immer Recht.»
* In Gstaad wurde am Freitag einer Gruppe von rund 50 Journalisten eine Festung gezeigt, die der Widerstandsorganisation P26 zu Ausbildungszwecken diente. Die Journalisten hatten sich zuerst genau auszuweisen, bevor sie in die Geheimanlage gelassen wurden. Wie Peter Flückiger. Informationschef der Gruppe Ausbildung des EMD, vor den Pressevertretem ausführte, hatte die Anlage eine Kapazität von rund 20 Teilnehmern für Ausbildungskurse. Diese wurden im Gruppenverband an Übermittlungsgeraten geschult oder erhielten Einzelunterricht für andere Tätigkeiten im Rahmen der Geheimarmee, Dabei sei darauf geachtet worden, dass die Teilnehmer der Kurse nicht zu enge Kontakte zueinander gehabt hätten. Sie hätten sich auch untereinander nur mit ihren Decknamen gekannt. Was nun mit der Festung passiere, sei ungewiss, sagte Flückiger. Die Anlage besteht aus zwölf Kammern, die links und rechts von einem mit Spritzbeton ausgekleideten, etwa 100 Meter langen Gang aus dem Fels gehauen wurden. Einige dieser Kammern sind in mehrere Zweierzimmer aufgeteilt, in denen die P26-Angehörigen schliefen und Einzelunterricht erhielten, Der grösste Raum der Anlage diente sowohl für Rapporte wie auch als Schiesskeller. In ihm wurde das Combat-Schiessen mit Pistolen geübt.
* Arthur Liener (ehemaliger Generalstabschef) in der ADAB-Broschüre zum Thema P26: Ende 1989 überschlugen sich die Wogen über dem EMD: Fichenaffäre, UNA und die sog. Widerstandsorganisation P26 sowie der ausserordentliche Nachrichtendienst P 27standen im medialen Kreuzfeuer. Mit Bundesbeschluss vom 12.3.90 entschieden sich die eidg. Räte für die Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission. Dem Bericht dieser PUK vom 17.11.90 ist zu P26 u.a. zu entnehmen «...Die Waffen befinden sich in einsatzbereitem Zustand in verschiedenen unterirdischen Lagern...» (aus Ziffer 1.3.3.5. Bewaffnung). Die Ziffer 1.3.3.6. Anlagen besagt: «Die Widerstandsorganisation verfügt in verschiedenen Teilen der Schweiz über feste, grösstenteils unterirdische Anlagen... Es geht bei diesen Anlagen um Führungs- und Ausbildungsanlagen, Material- und Munitionsdepots... (diese) befinden sich in einem technisch modernen Zustand, die Instandhaltung ist tadellos.»
«Die Festlegung der Werke erfolgte nach dem nachstehend beschriebenen Ablauf: Die Führung der P26 legte die ungefähren Standorte aller Anlagen fest. Das BAGF (Bundesamt für Genie und Festungen) suchte mögliche, bestehende Werke. Im Verlauf der Jahre 1987/88 wurden die Werke, welche für diese Zwecke durch die P26 verwendet werden sollten, der Kontrolle durch das damalige BAGF entzogen, d.h. sie verschwanden aus dem Anlageninventar. Im Rahmen einer zentralen Projektleitung wurden die entsprechenden baulichen Anpassungen für P26 geplant und auch umgesetzt. Für die Ausbildungs- und Führungsanlagen erwies sich der Neubau als die in der Regel kostengünstigste Lösung. Nach der Auflösung der P26 fielen alle Anlagen kommentarlos (Schreiben vom 14.5.1991) wiederum ans BAGF zurück, selbstverständlich nun auch mit den Neubauten.
Geografisch verteilten sich die Ausbildungs- und Führungsanlagen im Zentralraum, die Material- und Munitionsdepots dezentral in den drei Sprachregionen. Da der Platzbedarf für ein Materialdepot nicht allzu gross war (zwischen 30–60 Quadratmeter), konnte auch ein kleines Werk durchaus durch die Truppe weiterhin genutzt werden, ohne dass die für die Dienstleistenden nicht zugänglichen Depots besonders aufgefallen wären. Überdies waren diese Werke nach dem Rückzug der 7,5 cm Bunkerkanonen und den 9 cm Panzerabwehrkanonen ohnehin ohne Besatzung.
Eines dieser vorerwähnten Materialdepots sowie ein umfangreiches Munitionsdepot fanden sich in einem alten 7,5 cm BK- und 9 cm Pak-Werk im Raume Stilli. Zum Nutzen der P26 plante man umfangreiche Anpassungsarbeiten. Mehrere der bisherigen Mannschafts- und Munitionsräume wurden zu Materialdepots hergerichtet. Dies bedingte entsprechende Verbesserungen der Klimaanlage, zusätzliche Starkstrominstallationen, Heizung usw. Es versteht sich von selbst, dass diese Depots nicht nur neu gestrichen, sondern auch noch neu eingerichtet wurden. In diesen Materialdepots waren Gestelle eingebaut – nicht unähnlich der Container in den Munitionsdepots – auf denen verschieden konfektionierte Behälter lagerten; denn je nach Behältertyp variierte deren Inhalt, z.B. Zündvorrichtungen, Sanitätsmaterial, Medikamente, Waffen, dazu passende Munitionsmagazine usw. Ebenso gehörte eine gewisse Infrastruktur dazu, damit der Austausch des Materials problemlos erfolgen konnte. Das Werk Stilli ist gekennzeichnet durch seine grosse vertikale Aufteilung, also musste die Erschliessung durch eine durchaus sehenswerte Transporteinrichtung entsprechend angepasst werden, nämlich durch eine Deckeneinschienenbahn! Diese diente dazu, die vorgenannten Behälter an Rollen zum bzw. vom entsprechenden Materialdepot zu- oder wegzuführen. Als Munitionszubringer zu dem ehemaligen Geschützstand war zudem ein ca. 25 m langer Treppen-Schrägaufzug verfügbar. Dieser Stand diente als sog. Munitionsdepot – gleichsam die Grundausrüstung der P26. Hier lagerten vor allem 9 mm-Pistolen und die Ordonanz-Sprengmittel. Selbstverständlich war dieser Raum weder klimatisiert noch besonders beleuchtet oder neu bemalt. Das Werk im Raume Stilli zählt zu den grössten P26-Anlagen; nicht zuletzt ist es wegen seiner verschiedenen Transporteinrichtungen (Vertikallift – Deckeneinschienenbahn – Treppen-Schrägaufzug) von bleibendem Interesse. Eine objektive Wertung der Organisation P26 bleibt der zukünftigen Geschichtsforschung vorbehalten!»
Rückmeldungen von Lesern zum Thema:
Unbekannt/per Mail: Als ich das erste Mal in der Anlage (Gstaad) war, wussten wir noch nichts von der Vergangenheit der Anlage. Was uns aber erstaunte war der Schiesskeller. So etwas hatte ich noch nie in einer Anlage gesehen. Wir wurden dort am Funk ARGUS ausgebildet: Theorie in der Anlage mit Verpflegung und Übernachtung, die Praxis war dann draussen im Feld. Für den Zutritt mussten wir immer über den oberen Eingang, die Anlage war ja noch klassifiziert. Später wurde von Beteiligten erzählt, dass die Leute der P26 in der Anlage immer vermummt waren. Niemand sollte sich gegenseitig zufällig auf der Strasse erkennen können. Mit einem ausgeklügelten System wurde in den Zimmern signalisiert, wenn sich Dritte (z.B. FWK) in den Gängen befanden. War das der Fall, durften die Räume nicht verlassen werden.
Neben den bereits oben erwähnten Führungs- und Ausbildungsanlagen gab es in der Schweiz vier Zentrallager (ZL), wo die durch oft reisserischen Presseberichte legendär gewordenen Waffen und Goldreserven eingelagert waren. Die Lager wurden vermutlich in den 1980er-Jahren in bestehende alte Werke eingebaut. Die Lager sind mit den Buchstaben B (wie Burg), C (wie Château), K (wie Kastell) und S (wie Schloss) bezeichnet.
Die Standorte waren wie folgt:
* ZL-B im alten Werk Möslifluh bei Reichenburg
* ZL-C im alten Werk Toveyres
* ZL-K in der Flankiergalerie Gordola
* ZL-S im Werk von Stilli bei Brugg

Flankiergalerie Gordola

Das Werk Toverey