Festung Oberland

Wehrhafte Schweiz - Bunker und Festungen

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15,5 cm Festungskanone 93 Bison


Rund um das Artilleriesystem Bison und seinen kleinen Bruder Zwillingsminenwerfer gab es zuletzt eine Truppe von eingeschworenen Artilleristen: die Fest Art Abt 13. Sie bildete den sogenannten Aufwuchskern für den Ernsteinsatz der Festungsartillerie. Diese war der Stolz der Armee 61. Bison und Zwillingsminenwerfer waren ihre Mitgift an die Armee XXI. Seit 2010 laufen aus Spargründen Bemühungen, sowohl die 12 cm Festungsminenwerfer als auch die 15,5 cm Bison-Stellungen ersatzlos aufzuheben.

Das Waffensystem 15,5 cm Fest Kan 93 Bison


von Div Ueli Jeanloz in der ASMZ 3/1996
Eine Bison-Batterie schiesst Feuerschläge von 20 Kanistergeschossen bis zu 40 km weit. Einziger Nachteil: Der Bison kann sich nicht bewegen. Aber dafür hat er keine Probleme mit Stellungsräumen, der Munitionsversorgung oder dem gegnerischen Konterbatterieschiessen. Selbst Kampfflugzeuge mit modernen Luft-Boden-Raketen haben grosse Mühe, die hervorragend geschützte Scharte zu treffen.

Wer in unseren Gebirgstälern Artilleriestellungsräume sucht, tut sich schwer. Entweder fehlt die Tarnung, oder es finden sich keine leistungsfähigen Zufahrten. Die Festungsartillerie löst dieses Problem weitgehend. Viele Anlagen dieser Art stammen aber aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie sind technisch nicht mehr à jour und benötigen wegen ihrer Konzeption als weit verzweigte Festungswerke sehr viel Personal für den Schiessbetrieb und den Unterhalt. Aus diesem Grunde hat die Schweizer Armee in den vergangenen Jahren ein völlig neues verbunkertes Waffensystem entwickelt: den Bison.

Eine kompakte und damit unterhaltsgünstige Anlage dieses Waffensystems beherbergt zwei moderne Geschütze vom weit verbreiteten Kaliber 15,5 cm. Zwei solche Anlagen bilden eine Batterie. Sie verschiessen pro Rohr fünf Schüsse in 25 Sekunden. Mit Kanistergeschossen ergibt dies eine hohe Feuerwirkung im Ziel. Und weil dieses Ziel bis zu 40 km von der Waffenstellung entfernt sein kann, darf sicher von einer Unterstützungswaffe des Divisions- oder Festungsbrigadekommandanten gesprochen werden. Nebenbei bemerkt: Damit kann der höhere taktische Führer die zahlreichen 12-cm-Festungsminenwerfer den Truppenkörperkommandanten einsatzunterstellen.

Die erste einsatzbereite Anlage des Waffensystems Bison wurde auch einigen ausländischen militärischen Experten und Gästen zu einer Besichtigung freigegeben. Die moderne und kompakte Anlage überzeugte durch ihre Einfachheit in der Bedienung. Auch die Nichtspezialisten waren bald von der Leistungsfähigkeit des Systems überzeugt. Die Anerkennung der meist hochrangigen Besucher wirkte denn auch entsprechend echt.

Gegenüber dem Ausland hat dieses Waffensystem noch weitere Vorzüge. Die Waffe ist fest montiert - die schweizerische Absicht zum Verzicht auf einen Angriff auf ein anderes Land ist somit klar dokumentiert. Damit wird unsere diesbezügliche Maxime durch einen Tatbeweis erhärtet. Weil zudem die Wirkungsräume grosse Teile unserer Alpentransversalen abdecken, wird auch unser Wille bekräftigt, diese in unserer Hand zu behalten.

Nicht nur die Waffentechnik, auch die Feuerleitung entspricht neuestem technischen Stand. Wie bei der mobilen Artillerie steht ein elektronisches Feuerleitsystem (FARGOF) zur Verfügung, das in sehr kurzer Zeit die Schiesselemente errechnet. Damit wird eine rasche und fehlerarme Zusammenarbeit zwischen der Feuerleitstelle und der Geschützbedienung sichergestellt.

Die Munition entspricht ebenso dem neuesten Stand der Technik. Neben den konventionellen Stahlgranaten verfügt jede Anlage über einen beträchtlichen Bestand an Kanistergeschossen. Zudem ist die Weiterentwicklung der Munitionstechnik des Kalibers 15,5 cm in vollem Gange. Endphasengelenkte Geschosse werden in verschiedenen ausländischen Produktionsbetrieben evaluiert. Die Vision, aus dem Gotthardgebiet einzelne Panzerfahrzeuge in Biasca treffen zu können, wird vielleicht schon bald Wirklichkeit ...

Der Bison hat nicht nur eine hohe Feuerwirkung - er ist auch hervorragend geschützt. Seine dicke und wohlarmierte Betonhülle widersteht jedem gegnerischen Flächenfeuer. Als Punktziel für gelenkte Raketen ist lediglich die Scharte gefährdet. Diese Gefahr wird vorerst durch eine optimale Einbettung ins Gelände verringert. Sodann sorgt eine bewegliche Panzerung in modernster Materialtechnologie für eine weitere Reduktion der Gefährdung. Weitere Schutzmassnahmen - beispielsweise ein Wasservorhang zur Verringerung der Wärmeabstrahlung - werden zur Zeit evaluiert.

Die kompakte Bauweise der einzelnen Bison-Anlagen erlaubt einen kostengünstigen Bauvorgang. Auf den teuren und risikoreichen Untertagebau kann verzichtet werden. Zudem sind die Betriebskosten (Energieverbrauch, Unterhalt) im Vergleich zu den bestehenden Anlagen aus dem Zweiten Weltkrieg wesentlich geringer.

Jedes Artilleriegefecht hängt in hohem Masse von der Lösung der logistischen Probleme ab. Dass dabei der Munitionsnachschub zur zentralen Frage wird, liegt auf der Hand. Beim Bison ist dieses Problem gelöst. Die vorgesehene Munition ist wenige Meter hinter der Waffe übersichtlich und leicht zugänglich gelagert. Moderne Umschlagsgeräte erlauben ein rasches Zuführen der Geschosse, Ladungen und Zünder. Damit entfällt der problematische Munitionstransport während des Gefechts - ein Vorteil, der im Gebirge und besonders im Winter zusätzliche Bedeutung erlangt.

Auch den übrigen logistischen Erfordernissen wurde die nötige Beachtung geschenkt: Neben einem geschützten Netzstromanschluss steht eine leistungsfähige Eigenstromanlage zur Verfügung. Die Betriebsstoffreserve erlaubt den Schiessbetrieb auch bei länger andauerndem Ausfall des Fremdstromes.

In einer Anlage in der Nähe des Waffenplatzes Airolo wird ein Geschütz mit einer Simulatorenanlage ausgerüstet. Damit können die Bunkerbesatzungen optimal trainiert werden. Einerseits liefert der Simulator präzise Resultate über die Arbeit der Geschützbedienung. Andererseits können Störungen simuliert werden, welche im eigentlichen Schiessbetrieb aus Sicherheitsgründen nicht eingebaut werden dürfen. Die Ausbildung im Simulator spart auch Kosten, ohne deren Effektivität zu verringern. Die massive Reduktion der Ausbildungsmunition stellt dabei den wesentlichsten Beitrag dar. Der scharfe Schuss ist selbstverständlich weiterhin imperativ, aber er kann als krönender Abschluss der Ausbildung durchgeführt werden.

Bison ist eine Eigenentwicklung der Schweizerischen Unternehmung für Waffensysteme (ehemalige Eidgenössische Konstruktionswerkstätte). Schweizer Ingenieure haben das System konzipiert, schweizerische Facharbeiter bauen die Teile in der Werkhalle und am Waffenstandort zusammen. Aber auch der Bau selber wird in unserem Lande beschäftigungswirksam - dies zu einem grossen Teil in wirtschaftlich weniger privilegierten Regionen unseres Landes. Obwohl die Aufwendungen für den Unterhalt vergleichsweise gering sind, fallen diese lokal auch ins Gewicht. Die Betreuung der Anlagen erfordert gut geschultes Fachpersonal und bewirkt damit qualifizierte Arbeitsplätze in den entsprechenden Bergregionen.

Unser Parlament hat mit dem Rüstungsprogramm 93 eine erste Tranche von vier Batterien zu je vier Geschützen bewilligt. Ein grosser Teil der Anlagen ist zur Zeit im Bau oder steht unmittelbar vor Baubeginn. Eine zweite Tranche befindet sich in Planung - geeignete Standorte sind vorhanden. Gefordert ist jetzt die Rüstungsplanung, um aufgrund gesamtheitlicher Überlegungen weitere Batterien dieses modernen Waffensystems in die Rüstungsprogramme der kommenden Jahre aufzunehmen. Damit können weitere unterhaltsintensive Festungswerke aus dem Zweiten Weltkrieg ersetzt werden. Zum Vorteil aller: Truppe, Unterhaltsstellen und Steuerzahler.

Erster Bison-WK


Vom 22. November bis zum 10. Dezember 2004 fand in Airolo und Aigle der erste Wiederholungskurs der Fest Art Abt 13 in Form eines Umschulungskurses statt. Rund 600 Soldaten und Kader sind zu dieser Dienstleistung angetreten. Der Kommandant, Oberstlt i Gst Martin Wohlfender, hat für die Abteilung klare Ziele definiert. Die erste Dienstleistung und damit die Gründung des Verbands sollte mit einer schlichten und würdigen Standartenübernahme gefeiert werden. Diese fand bei der Caserna Motto Bartola in Airolo unter Beisein diverser militärischer und ziviler Gäste statt. Damit wurde die Fest Art Abt 13 gegründet, und erstmals meldete Kdt Wohlfender die Abteilung dem Brigadekommandanten Brigadier Fritz Lier.

Aufgabe von Truppe und Kader der Abteilung war, die beiden Hauptwaffensysteme (15,5 cm Fest Kan Bison und den 12 cm Fest Mw) einzusetzen und so die Grundbereitschaft für einen Einsatz einzuüben. Nun, um was handelt es sich beim Bison? Mister Bison (Oberstlt Serge Monnerat, Instruktor Lehrverband Artillerie) lässt sich wie folgt zitieren: «Ich bin stolz auf diese Schweizer Kanone, die eine blendende Zukunft hat. Sie ist in ihrer Art ausserordentlich und eine der modernsten auf der Welt.» Bison ist eine Welt für sich. Im Herzen der Schweiz gleicht der Eingang zu einem Bison-Bunker einer einfachen Garage eines Einfamilienhauses. Und drinnen weisen Geschütz-, Arbeits- und Wohnräume auf den neusten technischen Stand hin. Alles ist modern eingerichtet und in einem erstklassigen Zustand. Dank der Rohrlänge und einer unter anderem speziell konzipierten Ladevorrichtung wird eine hohe Schusskadenz erreicht, mit der ein beachtlicher Wirkungsraum abgedeckt werden kann. Zum Bekämpfen der Ziele stehen verschiedene Granattypen zur Verfügung. Mit dem Bison werden von verschiedenen zentralen Räumen der Schweiz aus die wichtigsten Achsen geschützt.

Nach dem offiziellen Verzeichnis des VBS kann das Geschütz eine Serie von 5 Schuss in 25 Sekunden abfeuern, hat eine Reichweite von 36 Kilometern und verschiesst Stahlgranaten, Kanistergeschosse und intelligente Munition. Das 15,5 cm Bison-Geschütz wurde vom bundeseigenen Rüstungsbetrieb Ruag in Thun entwickelt (früher K+W). Hier einige Angaben von deren Website, wo sie die Kanone auch als Küstenbatterie anpreisen (Website heute inaktiv): Die Verteidigung von Schlüsselräumen, von wertvollen Objekten und die Feuerunterstützung für Bodentruppen bedingen eine permanente, rasch verfügbare und weitreichende Artillerie.

RUAG Land Systems hat ein auf diese Zwecke zugeschnittenes Festungsartilleriesystem entwickelt. Die 15,5 cm Festungskanone 93 Bison wurde ab 1997 von der Schweizer Armee in Dienst gestellt und bildet die neue Hauptbewaffnung der Festungstruppen (Reichweite >35 km, bestrichene Fläche >710 km2). Die hervorstechenden Merkmale sind: grosse Reichweite, hohe Kadenz, hohe Verfügbarkeit, grosse Versorgungsautonomie, hoher Schutzgrad und grosses Entwicklungspotential. Dank diesen Eigenschaften sei BISON eines der fortschrittlichsten und hochwirksamsten stationären Waffensysteme.

Das Bison Küstenartillerie-System besteht aus einer Batterie von vier 155 mm L52 Geschützen und einem Suchradar sowie einer Feuerleitstelle. Vier Geschütze sind in zwei separaten Monoblocks eingebaut, sie können Ziele entweder einzeln oder gemeinsam bekämpfen. Jedes Geschütz kann einen Feuerschlag von 5 Schuss in weniger als 25 Sekunden abgeben, die ganze Batterie somit 20 Schuss in unter 25 Sekunden. Die Reichweite beträgt über 35 km. Die Batterie ist autonom und hat einen hohen Schutzgrad. Das Radarsystem kann Seeziele verfolgen und gleichzeitig weitere suchen. Es vermisst die Einschläge zur Korrektur der Schiesselemente. Es kann bis zu 20 Oberflächenziele gleichzeitig verfolgen, 4 davon mit erhöhter Genauigkeit. Die Feuerleitstelle verarbeitet die Radarsignale zu Schiesselementen für die Bison-Batterie. Die Ziele werden ausgewählt und den einzelnen Geschützen zugewiesen. Die Einbindung in ein übergeordnetes Feuerleitsystem ist ohne weiteres möglich.

Liquidierung


Die acht Bison-Bunker (4 Batterien) sind verteilt auf die Festungsregionen St. Maurice (1), Gotthard (2) und Sargans (1). Vier Anlagen befinden sich im Raum Gotthard, je zwei Anlagen im Raum St. Maurice und Sargans. Obwohl die Ausserdienststellung vom Bundesrat beschlossen ist, sind die Standorte und Details der Fest Kan 93 im Jahr 2016 noch klassifiziert. Die Anlagen bleiben vorderhand im Kernbestand, obwohl keine Einheiten und Soldaten zur Bedienung mehr vorhanden sind. Am 22. Juni 2011 erfolgte das letzte Schiessen.

Entwicklung


1984: Die Kommission für militärische Landesverteidigung beschliesst Bison-Entwicklung
1985: Durchführbarkeitsstudie Bofors, lntertechnik und k+w Thun
1986-89: Entwicklung und Fabrikation Funktionsmuster
1988-90: Werkerprobung K+W im Auwald Thun
1989-91: Entwicklung und Fabrikation Prototyp
1990-91: Technische Erprobung im Simmental (Chirel)
1990-92: ballistische Versuche auf dem Gütsch/Andermatt
1991-92: Truppenerprobung des Prototyps (Gütsch)
1993: Aufnahme in das Rüstungsprogramm 93 (CHF 249 Millionen Franken, 16 Geschütze)
1996-2000: Bauausführung
2011: Letztes Schiessen aus Bison-Bunker
2015: Befehl zur Verschrottung der Geschütze

Interessante Links
  • Der letzte Schuss der «Bison» (Youtube)
TECHNISCHE DATEN
Hersteller:
Kaliber:
Funktionsweise:
Verschluss:
Feuerart:
Kadenz:
Reichweite (m):
Munition:
Zufuhr:
Gewicht (kg):
Länge total (mm):
Länge Rohr (mm):
Anzahl Züge:
Rücklaufbremse:
Kühlung:
V0 (m/s):
Mannschaft:
K+W Thun
155 mm
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5 Schuss in 25 Sekunden
40'000
Stahlgranaten, Kanister, intelligente Granaten
5-Schuss-Magazin
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8060 / L52
60
hydraulisch
Wasserkühlung (Rohr)
845
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Versuchsgeschütz Bison auf dem Gütsch/Andermatt
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Versuchsgeschütz Bison auf Panzerhaubitze M109
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Monobloc-Bunker mit 2 Bison-Kanonen
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Monobloc-Bunker mit Bison-Kanone