Kanton Tessin


(Zusammenfassung der Referats von Prof. Dr. h.c. Peter Ziegeler bei der Präsentation des ADAB-Inventars)

Das Gebiet südlich des Gotthards ist reich an Kampf- und Führungsbauten aus verschiedenen Zeiten der Schweizer Geschichte. Einige – wie San Gottardo, San Giacomo, Magadino, Monte Ceneri oder Gandria – sind gar von nationaler Bedeutung.
 
Zwischen 1860 und 1880 veränderte sich das Umfeld der Schweiz nachhaltig, auf europäische Militärbündnisse wurde mit Überlegungen von Befestigungen reagiert.  1885 beauftragte der Bundesrat das Militärdepartement zu untersuchen, inwiefern die Südfront, insbesondere mit Bezug auf den Kanton Tessin und den Gotthard, fortifikatorisch zu sichern sei. Die Befürchtung, im Kriegsfall könnten sich die verbündeten Mächte Deutschland und Italien am Gotthard die Hand reichen, war weit verbreitet. Finanzielle Gründe machten eine Konzentration der Befestigungen auf den Gotthard nötig. Auch der 1882 eingeweihte Gotthard-Bahntunnel musste militärisch gesichert werden. 1885 genehmigten die eidgenössischen Räte einen Teilkredit von 500'000 Franken für das Befestigungssystem am Gotthard, die Gesamtkosten wurden mit 2,67 Millionen beziffert.
 
In den Jahren 1886 bis 1894 entstanden südlich der Passhöhe folgende Anlagen: Tunnelsicherung bei Airolo inklusive Sprengvorbereitung, Fort Airolo, offene Batterie Motto Bartola, Flankiergalerie Stuei und die Redoute Gotthard-Hospiz.
 
1894 war das zunächst auf eine Bedrohung durch Italien ausgerichtet System der Gotthard-Festung im wesentlichen verwirklicht. Auf der Nordseite waren noch die Forts Furka, Galenhütten, Bäzberg, Büel und die Stellungen auf der Oberalp dazugekommen. Statt der vorgesehenen 2,67 Millionen Franken wurden mit verschiedenen Nachtragskrediten 12,644 Millionen ausgegeben. Die Arbeiten wurden im Ausland zur Kenntnis genommen, sowohl Deutschland als auch Italien sahen nur noch geringe Erfolgschancen für Aktionen durch die Alpen.
 
Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Gotthard-Festung durch weitere Bauten und Einrichtungen ergänzt. Im Ausbauprogramm 1911-15 war auch ein betrag von 1,6 Millionen Franken vorgesehen, um die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammenden Befestigungen bei Sementina-Camorino zu verstärken. Wo neue Werke erstellt werden sollten, wurde während Jahren diskutiert. Schliesslich wurde die Linie Sementina-Camorino aufgegeben und der vorgelagerte Bereich Gordola und Magadino sowie Monte Ceneri ausgebaut. Mit dem Prinzipienstreit wurde auch Zeit verschenkt, bei Kriegsausbruch war erst wenig gebaut. Nahezu vollendet waren die vier Halbbatterien auf dem Ceneri und die zwei Halbbatterien bei Cugnasco. Die Flankiergalerien Gordola, Magadino und Spina befanden sich im Bau. Ergänzungen erfolgten mit durch Feldbefestigungen.
 
Erst 1934 erhielt das Befestigungswesen wegen Nazi-Deutschland wieder Bedeutung, im Tessin wurden neue Werke erstellt, alte modernisiert. Auslöser war der Bau von Strassen auf der italienischen Seite auf den San Giacomo und den San Jorio. Ab 1935 entstand auf dem San Giacomo zunächst ein mit einer Seilbahn erschlossenes Infanteriewerk, in Grenznähe erfolgte daraufhin der Bau des Artilleriewerkes Grandinagia. Von 1939-42 entstand die Sperre Lona (Lodrino-Osogna) am Eingang zur Leventina. Es handelte sich in erster Linie um Gelände-Panzerhindernisse mit flankierenden Waffenstellungen. Bei einem Angriff aus dem Süden wäre dieser Sperre vorrangige Bedeutung zugekommen.
 
Bei einem ersten Durchblättern des Inventars ergibt die Übersicht der ausgewählten militärischen Festungswerke ein wenig homogenes Bild. Das untersuchte Gebiet weist denn auch für schweizerische Verhältnisse eine ungewohnte Vielfalt an Konstruktionstypen auf. Standortspezifisch lassen sich laut Maurice Lovisa (Beauftragter des EMD für das Inventar der Kampf- und
Führungsbauten) generell zwei Arten von Sperren unterscheiden: Talsperren einerseits sowie Befestigungen zur Verteidigung der Pässe und Höhenzüge in mittleren und höheren Gebirgslagen andererseits Die grosse Anzahl verschiedener Einheiten und Stäbe trug das Ihre zu dieser Vielfalt bei (3. Armeekorps; 6. und 9. Division; Grenzbrigade 9; Gebirgsbrigade 11; die Gotthard-Besatzung mit den entsprechenden technischen Büros und Geniechefs; Geniebüro der Südfront; Ingenieur-Offiziere in der Verwaltung der Gotthard-Befestigung; Befestigungs-Kommission sowie das eidg. Befestigungsbaubüro).
 
Nach Lovisa wäre es ebenfalls spannend, neben den im ADAB-Inventar des Kantons Tessin aufgeführten Werken und Stellungen die nicht mehr vorhandenen oder nie realisierten Befestigungen zu beschreiben. „Einer näheren Betrachtung wert wären auch die zahlreichen Feldbefestigungen, welche während des Ersten Weltkrieges (Linie Monti di Medeglia – Alpe del Tiglio – Cucchetto), bzw. während des Zweiten Weltkrieges (Manegorio – All’Acqua – Grandinagia, Val Bedretto) erstellt wurden, und die zum Teil noch erkennbar sind. Des weiteren die unzähligen nicht realisierten Projekte (Artillerie-Turmwerke im Gebiet Monte Bar/Gola di Lago als ein Beispiel von vielen aus der Zeit 1939–45) oder die Analyse der Abweichungen zwischen Projekten und Ausführungen (Passübergänge San Jorio und San Giacomo).