Kanton Freiburg
Im ADAB-Inventar sind für den Kanton Freiburg rund 150 einzelne Inventarblätter aufgearbeitet worden. Als Beispiel hier eine Übersicht des Jauntales, eines der Zugänge ins Reduit respektive Simmental und damit in den Rücken der Reduittruppen.

Grafik © Dominik Clement
Die Befestigungsbemühungen der Kantone Bern und Freiburg sind kaum zu trennen, deshalb hier gekürzte Zusammenfassung, erstellt von Br Jürg Keller für die entsprechende ADAB-Broschüre:
1882 hatte die Landesbefestigungskommission die Fortifikation der Landenge zwischen dem Bieler- und Neuenburgersee vorgeschlagen. 1912 und 1913 wurden die Projekte zum Sperren dieser Stelle erarbeitet, so dass bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges Pläne zur Befestigung des Raumes Murten in den Schubladen des Generalstabschefs bereit lagen.
Die Schweizer Armee mobilisierte am 3. August 1914. Für die Schweiz bestand die Gefahr, dass der eine oder andere der Kriegführenden einen Stoss in die Flanke des Gegners versuchen würde. Daher wurde u.a. die Schaffung der Fortifikationen Murten befohlen. Deren Auftrag lautete: “Behelfsmässige Befestigung der Linie Zihlkanal–Vully–Murten–Salvenach–Laupen zum Zweck der Sicherung Berns gegen Angriffe über die Zihl und aus dem Kanton Waadt. In der Folge entstand die befestigte Linie Jolimont–Neuenburgersee–Mont Vully–Murtensee–Saane bei Kleingurmels. Eine erste Kampfbereitschaft wurde Ende 1914 erreicht. Der Ausbau erfolgte bis 1916, indem vor allem Stellungen für Maschinengewehre und Kanonen sowie hintereinander liegende Verteidigungslinien erstellt wurden. Nach dem Krieg gerieten die Befestigungsbauten, da sie nicht unterhalten wurden, in Vergessenheit.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, waren die Grenzbrigaden in Bezug auf Befestigungen noch nicht bereit. Die Brigaden bauten in eigener Regie Kampfbauten in ihren Abschnitten. Es betraf dies die Grenzbrigade 2 (BE/NE) im Kanton Neuenburg, in den Freibergen und im St. Immertal und die Grenzbrigade Br 3 im restlichen Berner Jura. Hier entstanden ab Herbst 1939 Panzersperren in Form von Höckern, Mauern und Gräben mit flankierenden Werken und Gegenwerke.
Nach dem Reduit-Entschluss zog sich das Gros der Divisionen in den Zentralraum zurück und fünf Divisionen verblieben in der so genannten „vorgeschobene Stellung“. Diese verlief vom Zürichsee entlang der Limmat zum Bözberg und weiter über das Gempenplateau, Mont Raimeux, Chasseral, Chaumont, Mont Vully, Saane bei Laupen bis nach Hauteville am Greyerzersee. Den Raum Murten belegte neu die 2. Division, unter anderem mit den Infanterieregimentern 1 (BE/FR) und 13 (Berner Seeland). Zwischen Saane und Sense wurde die Leichte Division eingesetzt. Ab Sommer 1940 entwickelte sich eine intensive Bautätigkeit:
In den Kantonen Bern und Freiburg betraf dies in der vorgeschobenen Stellung Infanteriesperren in Frinvillier und im Taubenloch, am Chasseral, Jolimont und Mont Vully, am Löwenberg bei Murten und vom Galmwald bis an und entlang der Saane.
Gleichzeitig begann aber auch der Ausbau des Reduit. Der Abschnitt in den Kantonen Bern und Freiburg wurde vom 3. Armeekorps besetzt mit dem Auftrag “verhindert jeden feindlichen Vorstoss südlich des Vierwaldstättersees und in die Gegend von Thun” sowie von der 1. Division – später auch Gruppe “Westalpen” genannt – mit dem Auftrag “hält, sich auf die Festung St. Maurice stützend, den Abschnitt der Zentralraumstellung vom Jaunpass bis Tête Blanche”.
Mit dem Operationsbefehl 13 (14. Mai 1941 bis Herbst 1944) wurde das sogenannte „wehrhafte Reduit“ bezogen, die Truppen zurückgenommen. Das 1. Armeekorps wurde damit für die Verteidigung der Westfront zwischen Hohgant und der Tête Blanche zuständig.
- Die 1. Division hatte im Gebiet zwischen Euschelpass und Rocher de Naye und im Süden den Abschnitt Rocher de Nays bis Wildhorn zu sperren. Das Gebirgsinfanterieregiment 7 bildete die Kampfgruppe Jaun, das Infanterieregiment 3 richtete sich im Pays d’Enhaut ein. Jedes Regiment erhielt zusätzlich eine Feldartillerie-Abteilung mit zwölf 7,5 cm Kanonen zugeteilt.
- Südlich der 2. Division war die Gebirgsbrigade 10 eingesetzt – sie konnte sich auf die sie die Festung St. Maurice abstützen.
- Rechterhand der 1. Division war die 2. Division zurückgenommen worden (Sperren der Eingänge zwischen Kaiseregg und Stockhorn sowie zwischen Wildhorn und Wildstrubel).
- Die 3. Division sperrte die Achsen am linken und rechten Thunerseeufer.
Im Freiburgerland und dem angrenzenden westlichen Berner Oberland war also die 1. und 2. Division eingesetzt. Das Infanterieregiment 1 (2. Division) erhielt das Obere Simmental zugeteilt, das Infanterieregimet 8 zwischen Kaiseregg und Ochsen und das Infanterieregiment 13 zwischen Ochsen und Stockhorn. Diese wurden ebenfalls mit einer Feldartillerieabteilung verstärkt.
Nach Bezug der neuen Stellungsräume wurden die Befestigungsarbeiten durch die Geniechefs intensiv vorangetrieben. Brigadier aD Jürg Keller schreibt dazu im Freiburger Volkskalender 2005 ( zu beziehen bei Kanisius Verlag, ch. Jolimont 6, 1701 Freiburg.): „In beiden Divisionen wurden die Truppenkommandanten bei der Projektierung der Anlagen nicht einbezogen, dies mit voller Absicht der verantwortlichen Kommandanten. Als Begründung wurde angeführt, dass ein Truppenkommandant Geländeverstärkungen und Festungen zu übernehmen hätte, wie ihm Mannschaften und Bewaffnung anvertraut werde. Er habe alsdann die von der Division gebauten Festungswerke nach bestem Wissen und Können in seinen Kampfplan einzubeziehen.“ Auch zwischen 1. und 2.Division gab es keinen Erfahrungsaustausch, das 1. Armeekorps koordinierte die Arbeiten ebenfalls nicht.
Im erwähnten Volkskalender sind die Befestigungen der 1. Division wie folgt zusammengefasst:
Quer zu möglichen Vorstossachsen wurden Geländepanzerhindernisse in Form von Gräben, Barrikaden und Höckern erstellt. Darauf wirkten verbunkerte Panzerabwehrwaffen (4,7 cm Infanteriekanonen oder 24 mm Tankbüchse, teilweise auch 7,5 cm Feldkanonen) und MG 11. Die Hauptwerke wurden meist durch kleinere Gegenwerke vor infanteristischen Angriffen gedeckt. Entlang der Vorstossachse war das Prinzip immer dasselbe: Im Vorfeld war ein Sicherungselement vorhanden, dann folgte die Hauptsperre an der Reduitgrenze, Sperren in der Tiefe des Raumes und dahinter Artillerieunterstützung.
Konkret hatten die Infanteriewerke Euschels und La Tine 7,5 cm Kanonen als Artillerieunterstützung eingebaut, im Werk La Tsintre waren solche als Panzerabwehrwaffen vorhanden. Im Artilleriewerk Gross Tosse waren 8x10,5 cm Haubitzen, auf dem Jaunpass 8x10,5 cm Kanonen (der 2. Division) unter Fels oder in Bunkern bereit. Nebenachsen wie Col du Pillon, Gorges de l’Evi bei Albeuve und Sanetschpass wurden mit Barrikaden und Truppenunterständen verstärkt.
Die Verstärkungen der 2. Division in der Zusammenfassung: Diese Einheit befestigte vor allem die Gantrischkette zwischen Kaiseregg und Stockhorn. Die der Kette vorgelagerte Gantrischstrase wurde bei Zollhaus durch die 1. Division gesperrt und zusätzlich bei Schwarzenbühl und südlich des Gurnigelbads durch verbunkerte Infanteriekanonen abgeriegelt. Am Stockhornkamm entlang entstanden jeweils in den möglichen Übergängen Sperren. Insgesamt 25 Bunker für Mg 11 oder Lmg 25, 5 Bunker für 4,7 cm Infanteriekanonen sowie 4 Werke für 2-4 7,5 cm Kanonen.
Ein Beispiel ist die Sperre auf der Alp Chänel vor dem Chänelpass. Das Hauptwerk Weissefluh umfasste 2x7,5 cm Feldkanonen, eine 4,7 cm Infanteriekanone, ein Mg 11 und 1 Lmg 25. Das Werk hatte einen Unterkunftsbereich. Das entsprechende Gegenwerk war mit zwei 4,7 cm Infanteriekanonen sowie je einem Mg 11 und Lmg 25 ausgerüstet. Mit diesen Werken war der Durchgang stark befestigt. Die Anlagen wurden jeweils mit Waffen der Abschnittstruppe ausgerüstet, waren ansonsten aber eher spartanisch ausgerüstet.
Informationen zu diesen Sperren sind – soweit möglich - unter der Rubrik Stockhornkette verfügbar.
Den Raum Murten, der durch den Wegzug der 2. Division ins Reduit frei wurde, übernahm am Jolimont die Gz Br 2 und die L Br 1 diesen vom Vully bis zur Saane. Bis zum Herbst 1944 besetzte das 1. Armeekorps mit seinen Verbänden die drei befestigten Zonen: den Grenzraum im Jura, das westliche Mittelland und die Alpen zwischen Hohgant und Tête Blanche. Dann, beim Vormarsch der Alliierten Armeen aus dem Rhonetal entlang der Schweizer Grenze, verliessen die Divisionen das Reduit und wurden wieder an der Landesgrenze eingesetzt.
Auch nach dem Aktivdienst wurden die erstellten Anlagen durch das Festungswachtkorps erhalten dun grösstenteils modernisiert – bis zur Ausserdienststellung meist Ende der 90-er Jahre.
Wie ADAB-Architekt Maurice Lovisa ergänzend schreibt, ist «die Lage der beiden Kantone ähnlich: beide haben einen Fuss im Reduit und den andern ausserhalb! Aber während sich der Kanton Freiburg bis zur Drei-Seen-Region erstreckt, breitet sich der Kanton Bern bis in den Jura aus und umfasst somit neben Befestigungen des Reduits und im Flachland auch so genannte Grenzbefestigungen. Unter den Besonderheiten, die beide Kantone teilen, kann man die Region der drei Seen nennen, wo ein Teil der Befestigungen von 1939 –1945 dem Verlauf der Verteidigungslinien von 1914 –1918 folgt, und die in dieser früheren Epoche entstandenen Werke manchmal wieder verwendet oder umfunktioniert.» Schliesslich seien die beiden Kantone auch durch die wenig bekannte Verteidigungslinie verbunden, nämlich die «Stockhorn-Kaiseregg-Linie».