Kanton Aargau
«Wer aus dem Puzzle der 26 kantonalen Teile der Schweiz den Aargau entfernt, wird feststellen, dass er alle Autobahnverbindungen Ost–West, die wichtigste Autobahnverbindung Nord–Süd und bedeutende Eisenbahnverbindungen gekappt hat und dass ihm drei von fünf Kernkraftwerken der Schweiz fehlen», bringt Jürg Stüssi-Lauterburg die Bedeutung dieses Kantons auf den Punkt.
Laut ADAB-Inventar weist der Kanton Aargau die grösste Anzahl erfasster Kampf- und Führungsbauten aller Schweizer Kantone auf. Diese Besonderheit schlägt sich im Vorhandensein von mehr als 1000 detaillierten ADAB-Inventarblättern für die Werke und von deren fast 200 für die Sperrstellen nieder.
Am stärksten vertreten sind laut Maurice Lovisa die Bauten der «Grenzbefestigung» und «Armeestellung». Die nach dem zweiten Weltkrieg erstellten Objekte sind ebenso zahlreich und repräsentieren sämtliche Bauphasen des Kalten Krieges. Angesichts der Lage des Kantons an der nördlichen Grenze der Schweiz und ausserhalb des Reduits seien die Befestigungswerke in ihrer Grösse aber eher unbedeutend. Dies mit Ausnahme der fünf Artilleriewerke, die gebaut wurden, wovon eines als Grenzbefestigungswerk (Reuenthal). Es sei vielmehr die Anzahl der Objekte, welche das Aargauer Gebiet charakterisiert.
Nach dem Rückzug des Militärs ins Reduit wurden die begonnenen Objekte oft von zivilen Bauunternehmern beendet. So findet man eine grosse Anzahl von Infanteriewerken, Artilleriestellungen aller Kaliber (7,5 cm bis 15 cm Kanonen und Haubitzen) und Artilleriebeobachtern, welche die verschiedenen Bezeichnungen der Einheiten ihrer zahlreichen Urheber tragen: 2. und 3. Armeekorps – 3., 4., 5., 8., 9. Division– , Grenz-Brigade 4 und 5 und Leichte Brigade 3. Dieser Tatsache entsprechend kann eine grosse typologische Vielfalt auf Aargauer Gebiet beobachtet werden.
Die Nachkriegszeit ist gekennzeichnet durch eine Standardisierung und durch eine massenhafte Herstellung von Kugelbunkern und vorfabrizierten Unterständen (Atom-Schutz-Unterstände = ASU). Sukzessiv
baute man:
* Bunker, bewaffnet mit 7,5 cm Panzerabwehrkanonen, aus der Fliegerabwehr stammend (Vickers-Stellungen)
* Garagen, welche die Beherbergung von mobilen 9 cm Panzerabwehrkanonen ermöglichen
* Werke zur Einrichtung von Panzerabwehrlenkwaffen-Stellungen (Dragon)
* Ehemalige Panzer-Türme, gerichtet auf so genannte «passage obligé» (Centi-Bunker), kombiniert mit alten oder neuen Geländepanzerhindernissen.
Patrick Geiger von der Universität Freiburg: 1935/36 wurde die an der Aaremündung gelegene Strassenbrücke zwischen Felsenau und Koblenz gebaut. Die beiden Stahlfachwerkbogen mit je einer Spannweite von 87,5 m sind bekanntermassen bedeutende Zeugen der damaligen Baukunst. Weniger bekannt sein dürfte, dass in deren Widerlager gleichzeitig zwei Maschinengewehrwerke eingebaut wurden, die eine besondere Bedeutung in der Schweizer Befestigungsgeschichte einnehmen: Es sind die ersten schweren Waffenstände überhaupt, die in der Schweiz seit der Einstellung des Befestigungsbaus Ende des Ersten Weltkriegs errichtet wurden! Es war der Start zu einer sehr intensiven Bautätigkeit am Rhein (Grenzbefestigung), im Tafeljura und auf den Höhen südlich der Limmat (Armeestellung) sowie entlang des Kettenjuras (Jurastellung), welche den Kanton Aargau bis 1945 zu einem der dichtest befestigten Gebiete der Schweiz gemacht hat
Auf eine Verlängerung der Rhein-Bunkerlinie von Mumpf in Richtung Basel wurde zugunsten einer Abwehrstellung auf den Steilhängen südlich des Rheins verzichtet. Als Reaktion auf den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs befahl General Guisan Anfang Oktober 1939 die 3., 4., 5. und 8. Division in die zusammenhängende Front Tiersteinberg–Frickberg–Marchwald–Geissberg–Lauffohr–Turgi–Killwangen. Diese Truppen errichteten beeindruckende tiefgestaffelte Abwehrstellungen. Das untere Aaretal als vermeintliche Hauptachse eines deutschen Angriffs wurde besonders massiv befestigt: Hinter mehreren Sperren wurde zwischen Geissberg und Iberig ein ca. 3 km langes Geländepanzerhindernis als Hauptabwehrstellung errichtet, das von zahlreichen Infanteriewerken und Geschützständen flach beschossen sowie von zwei Artilleriewerken mit Bogenfeuer belegt werden konnte.
1944 verstärkte das BBB die Sperren hinter der Limmat mit Panzersperren und Unterständen. Die dritte und letzte Linie bildete die Aargauer Jurastellung: 1939 –1941 wurden die Jura-Verkehrsachsen zwischen Oberhof und
Sennhütten (Bözberg) an den Taleingängen, auf den Anhöhen und in den Klus am Südfuss des Kettenjuras befestigt. Trotz diesen Anstrengungen waren die Aargauer Fortifikationen nur kurz von grossen Einheiten besetzt: Das Reduit wurde bezogen.